
Ich lese für mein Leben gerne, zumindest seit ich verstanden habe wie Lesen funktioniert. Ein Leben ohne Lesen ist für mich undenkbar. Für das Studium musste ich unglaublich viel Fachliteratur wälzen, nicht immer interessant, aber nötig. In meiner Freizeit blieb für andere Lektüre nicht viel Zeit, das hat sich mit dem Buchclub in der Uni aber glücklicherweise geändert. Wir lesen uns quer durch die slawische Literatur, mit Ausflügen ins Baltikum oder den Balkan.
Die (freiwillige) Verpflichtung, ein Buch bis zu einem Stichtag zu lesen, änderte mein Leseverhalten. Ich plane mir feste Zeiten ein, schaue kein Fernsehen oder scrolle weniger durch die Sozialen Medien. Eigentlich so wie es früher war, naja, damals gab es ja auch noch kein Instagram & Co.
Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass ein Mensch in Deutschland im Schnitt nur 27 Minuten am Tag liest. Am meisten lesen die Altersgruppen ab 65. Interessanterweise liest die Gruppe der 10-17 Jährigen mehr als die 18-44 Jährigen, auch wenn uns der Unterschied kaum auffällt, weil gefühlt alle nur noch am Handy hängen. Generell lesen Mädchen mehr als Jungs, etwa 30 gegenüber 24 Minuten.
Ich liege wahrscheinlich weit über dem Durchschnitt meiner Altersgruppe (13 Minuten), auch schon vor meiner Unizeit. Aber mit Sicherheit hat sich mein Repertoire in den letzten Jahren sehr verändert. Die meiste Lektüre ist Fachliteratur zu Themen wie Linguistik, Sprachpolitik oder Nachhaltigkeit. Selten schaffe ich mal einen Roman, Ausnahmen mache ich im Urlaub und für den Buchclub. Die sinkenden Buchmarktabsätze sind sicherlich nicht meine Schuld, wenn ich der Ungelesene-Bücher-Kiste zu Hause glauben kann, obwohl ich auch viel gebraucht kaufe.
Das Leseverhalten allgemein hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wir lesen viel digital und oft in verkürzter Form. Längere Texte oder ganze Bücher am Stück zu lesen, für viele unvorstellbar. Ein Grund zum Verzweifeln für viele Erstis an der Uni: lange Texte in kurzer Zeit lesen, verstehen und eventuell auch zusammenfassen. Das sind die meisten aus der Schule kaum gewöhnt. Sich eine gewisse Zeit auf einen Text zu konzentrieren und ihn auch zu verstehen, stellt ein Problem dar.
Doch genau diese Fähigkeiten des Lesens brauchen wir in unserer Gesellschaft, sei es an der Uni, Schule oder Ausbildung. Ich gebe zu, dass besonders Grundlagentexte oft schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und dementsprechend langatmig sind. Eine mit KI erstellte Zusammenfassung reicht oft nicht, um den Kern des Textes zu erfassen oder sich damit gar auf Prüfungen vorzubereiten.
Vor den sinkenden Lesekompetenzen warnen Bildungsforscher*innen schon seit Langem. Können Kinder nicht richtig lesen, zieht sich das immer weiter ins Erwachsenenalter und beeinträchtigt den beruflichen Werdegang massiv. Die Lesekompetenzen zu fördern ist also eine gesellschaftliche Aufgabe, an der alle mitwirken müssen. Das heißt zum Beispiel auch in die öffentlichen Bibliotheken zu investieren und ihren Besuch durch niedrige Beiträge für alle zu ermöglichen. Auch die Leseförderungen in Schulen muss ausgebaut werden, um den Kindern den Umgang mit dem Medium Buch näher zu bringen.
Dabei dürfen wir nicht vergessen: Lesen ist nicht nur eine Kompetenz, sondern auch Balsam für die Seele!
Welche Maßnahmen hältst du für sinnvoll, um junge Menschen für das Lesen zu begeistern?
Quellen
PISA 2022 Ergebnisse: Lernstände und Bildungsgerechtigkeit OECD: https://www.oecd.org/en/about/programmes/pisa.html
Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2024/PD24_42_p002.html









