Die Donauschrift

Die Schrift als Zeichen von Hochkulturen ist seit Langen bekannt. Sofort fallen uns die Hieroglyphen der Ägypter oder die Keilschrift der Sumerer ein, die unsere Vorstellungen von Kultur dominieren. Aber auch in kleineren Kulturkreisen gab schon früh Schriftsysteme. Eins davon fanden Wissenschaftler*innen entlang der Donau in Rumänien, Serbien usw.: die Vinča-Zeichen, auch Donauschrift genannt.

Der Name geht auf die Ortschaft Vinča in der Nähe von Belgrad zurück, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Gegenstände gefunden wurden, die diese Zeichen trugen. Schon 30 Jahre früher tauchten erste Funde in Rumänien auf und im Laufe der Zeit mehr als 1000 in verschiedenen Regionen Südosteuropas, meist entlang der Donau.

Was die Zeichen genau darstellen oder bedeuten, ist bis heute unklar. Die Anordnung und Wiederholungszahl legt nahe, dass es sich um rituelle Zeichen handelt. Es lässt sich (bisher) kein Muster erkennen, was auf eine erzählende oder dokumentarische Funktion hinweisen würde.

Die gefundenen Gegenstände sind größtenteils Figuren oder Gefäße, was auf die These der rituellen Zeichen stützt. Obwohl die einzelnen Zeichen durch ihre Symmetrie und Strichführung wie Buchstaben oder Silbensymbole aussehen, konnte bisher kein Zusammenhang zu anderen Schriftsystemen hergestellt werden.

Doch welchen Zweck haben die Zeichen? Wenn sie nicht als Verschriftlichung der Sprache dienen, könnten sie auch einfach als Markierungen oder Muster genutzt worden sein. Besonders die unsystematische Verteilung lässt viele Expert*innen an der Schrift-Theorie zweifeln. Die Idee, dass die Zeichen für bestimmte Namen stehen, ist aber weiterhin im Rennen.

Unklar ist auch welche Sprache die Menschen damals sprachen. Vor der Nutzung der indoeuropäischen Sprachen, die sich von Ost nach West in Europa verbreitet haben, gab es eine bzw. mehrere ‚alteuropäische‘ Sprache(n), die dann verdrängt wurden.

Eine zeitliche Einordnung der Donauschrift ist nur bedingt möglich, der Zeitraum liegt zwischen 5300-3200 vor Christus. Die Zeichen wären damit die ältesten Schriftzeichen, von denen wir heute wissen. Doch sie unterscheiden sich in ihrer Funktion stark von Schriften wie sie in Mesopotamien oder Ägypten genutzt wurden.

Die Diskussion, ob und in welchem Umfang die Donauschrift wirklich als Kommunikationsmittel genutzt wurde, ist noch lange nicht zu Ende.

Quellen

Dürscheid, Christa. Einführung in die Schriftlinguistik. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, Seite 104–106: Die alteuropäische Schrift.

Haarmann, Harald. Einführung in die Donauschrift. Buske, Hamburg 2010.

Kalaallisut – Die Sprache Grönlands

Grönland ist zur Zeit das Thema Nummer 1 in den Medien. Doch nicht die Kultur oder die Sprache sind von Interesse, sondern politische Ambitionen eines Mannes, dem die Menschen dort völlig egal sind! Dabei ist die Sprache der Grönländer*innen für mich eins der wichtigeren Thema, die es zu entdecken gibt.

Kalaallisut, im Deutschen oft auch als Grönländisch bezeichnet, gehört zur eskaleutischen Sprachfamilie, deren Sprachgebiet sich von Grönland über den Norden Kanadas bis nach Alaska und kleine Areale Russlands erstreckt. In Grönland sprechen etwa 50.000 Menschen Kalaallisut, kleinere Sprachgemeinschaften (ca. 10.000) leben in Dänemark.

Die Sprache besitzt einen synthetischen Sprachbau, d.h. die Wörter werden durch das Aneinanderreihen verschiedenster Morpheme sehr lang.

Das Phoneminventar ist mit 3 Vokalen und 18 Konsonanten recht überschaubar, wobei einige Konsonanten nur in langer oder kurzer Form vorkommen. Die möglichen Lautkombinationen sind streng beschränkt, es kommen z.B. nicht alle Laut am Wortanfang und -ende vor. Auch die Betonung und Silbenlänge folgt strengen Regeln.

Die Grammatik unterscheidet sich vom Deutschen insbesondere dadurch, dass Kalaallisut eine Ergativsprache ist, d.h. es besitzt ein anderes Kasussystem. Die Morphologie ist reichhaltig und oft durch die Phonologie beeinflusst.

Der Erbwortschatz des Kalaallisuts ist weitestgehend erhalten geblieben, aber neuere Lexik wurde aus dem Dänischen und heute teilweise auch aus dem Englischen entlehnt.

Es lässt sich nicht sagen ab wann Kalaallisut auf Grönland gesprochen wurde, da es keine Schriftquellen vor Kolonalisierung der Insel durch Dänemark gibt. Eine standardisierte Schreibung existiert seit der Herausgabe einer Grammatik 1852 von Samuel Kleinschmidt, die aber 1973 durch eine neue Rechtschreibung stark verändert wurde. Die Schrift ist phonetisch, wird also so geschrieben wie gesprochen.

Die Sagen und Mythen der grönländischen Kultur wurden über Jahrhunderte nur mündlich weitergegeben, die nach der Verschriftlichung der Sprache von meist dänischen Forschern aufgeschrieben wurde. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts  entwickelt sich eine stetig wachsende Literaturszene.  

Obwohl Kalaallisut eine relativ kleine Sprache ist, sind die Sprecher*innengruppen durch die geografischen Gegebenheiten Grönlands doch stärker voneinander getrennt als z.B. in Europa und daher lassen sich trotzdem mehrere Dialekte klassifizieren, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden. Eingeteilt werden drei Hauptdialekte: Inuktun im äußersten Nordwesten, Tunumiisut im Osten und Kitaamiusut an der Westküste der Insel. Kitaamiusut wird abermals unterteilt in sechs weitere Dialektgruppen. Der in der Hauptstadt Nuuk gesprochene Dialekt wird als Standardvarietät angesehen.  

Momentan kann man Kalaallisut im Rahmen eines sprach- und kulturwissenschaftlichen Studium an zwei Universitäten in Dänemark und Grönland studieren.

Quellen

Holst, Jan Henrik. Einführung in die eskimo-aleutischen Sprachen. Buske, Hamburg 2005

Kleinschmidt, Samuel. Grammatik der Grönländischen Sprache, mit theilweisem Einschluss des Labradordialects. G. Reimer, Berlin 1851

Sprachverbote in Deutschland

In den letzten Jahren ist Sprache als Diskussions- und Streitthema immer mehr in den Vordergrund unserer Wahrnehmung gerückt. Dabei geht es um Fragen rund um die Sprachnutzung, den Sprachwandel oder auch neue Wörter im Deutschen. Dass die Diskussionen bei diesen Themen gerne ausarten und zu Streitigkeiten führen, zeigt sehr gut wie emotional Sprache sein kann.

Sprache geht uns alle etwas an, denn wir alle kommunizieren mit Sprache. Dass sich Sprachen unterscheiden, ist allen klar. Wenn sich innerhalb der eigenen Sprache Unterschiede zeigen, neigen wir dazu alles zu bewerten und vergessen oftmals wie individuell die Sprache jedes Einzelnen ist. Doch wer entscheidet darüber wie wir sprechen?

Eins vorweg: Jede Person darf so sprechen wie sie will. Es gibt niemanden, der uns irgendetwas vorschreiben kann! Aber es gibt gewisse gesellschaftliche und sprachliche Normen und im Laufe unseres Lebens lernen wir innerhalb des Bildungssystems meist die Standardsprache mit verschiedenen Registern. Was wir in diesem System nur teilweise lernen, ist der Umgang mit Sprache selbst.

Wie unsere Gesellschaft, ist auch unsere Sprache immer diverser geworden. Das gefällt nicht allen, ist aber Teil unserer Identität. Und genau hier beginnen dann die Konflikte in der Kommunikation. Da Sprache so divers ist, prallen oft verschiedene Sprachmuster und -einstellungen aufeinander. Viele Menschen empfinden neue Einflüsse oder ungewohnte Sprachstrukturen als unangenehm, ungewohnt oder sogar als störend.

Ein prominentes Beispiel ist das „Gendern“. Kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter so sehr wie der Versuch die Sprache inklusiver und diverser zu gestalten. Es geht so weit, dass es in einigen deutschen Bundesländern, u.a. Hessen, sogar Verbote in Schulen gegen Formen wie Lehrer*innen oder Ärzt:innen gibt. Die Argumentation für die Einführung dieses Verbots ist weder pädagogisch noch linguistisch sinnvoll, sondern eine Machtdemonstration.  Das „Genderverbot“ gilt z.B. an allen Schulen der Region, hingegen gab es nie eine Pflicht zum „Gendern“, wie von vielen immer angenommen. Die Bestrebung durch inklusive Sprache bzw. „Gendern“ die Gleichstellung innerhalb der Gesellschaft zu fördern, scheint vielen ein Dorn im Auge zu sein.

Ähnlich gespalten ist die Sprecher*innengemeinschaft auch bei Abbau von rassistischer oder anderer diskriminierender Sprache. Das Argument „Früher hat es auch keinen gestört.“ ist dabei ein Klassiker der Verdrängung sozialer Ungleichheiten, die früher schon gestört haben, jedoch nicht im Fokus der Gesellschaft standen.

Die Freiheit so zu sprechen und zu schreiben wie wir wollen, sind durch bestimmte Kontexte wie Sprachverbote in einigen Regionen also Grenzen gesetzt, die sich aber nur auf öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Behörden begrenzen. Außerhalb dieser Einrichtungen sollte jede*r so kommunizieren wie es das persönliche Empfinden verlangt.

In vielen Situationen haben sich sprachliche Elemente, die Inklusion auf sprachlicher Ebene sichtbar machen, schon positiv verändert, weil ihre Nutzung ein Bewusstsein schafft und die Akzeptanz vergrößert. Das bedeutet aber nicht automatisch einen Zwang für alle sich anpassen und anders sprechen zu müssen!

Sprache ist und bleibt im Wandel. Wir schaffen uns die Wirklichkeit, indem wir unser sprachliches Handeln reflektieren. Verbote werden daran nichts ändern können, zeigen sie doch nur wie sehr einige Menschen Angst haben Toleranz und Diskriminierungsfreiheit zu versprachlichen!

Das Baskenland

Im Norden Spaniens liegt eine Region, die seit Jahrhunderten um Selbstständigkeit von Spanien ringt: das Baskenland.

Die Ausdehnung des Baskenlandes (baskisch Euskadi) überschreitet die spanisch-französische Grenze und zieht sich von den Pyrenäen bis nach Bilbao an der Küste entlang. Im Süden bildet der Ebro eine natürliche Grenze. Der französische Teil ist kleiner und gehört politisch(!) heute nicht dazu , bildet aber sprachlich und kulturell eine Einheit mit den spanischen Teil. Auch im Norden der Region Navarra, die heute offiziell nicht mehr direkt zum baskisches Gebiet gehört, leben viele Basken.

Die Besiedlung des Baskenlandes liegt schon weit zurück, genaue Daten sind schwer zu ermitteln, es wird eine erste Besiedlung um 7000 v.Chr. angenommen. Aber das Klima und die günstigen Bedingungen für die Landwirtschaft legen eine frühere Besiedlung als im Rest des Landes nahe. Völker wie die Kelten und die Römer haben das Gebiet zeitweile ebenfalls besiedelt. Davon zeugen noch Städte wie Pamplona in Navarra.

Die Basken erlebten viele kriegerische Auseinandersetzungen ihrer Nachbarn. Besonders tiefgreifend waren die Konflikte zur Zeit der Christianisierung im 8. Jahrhundert n.Chr., da die Region zwischen dem maurischen (Muslime) und dem christlichen Einflussbereich lag.

Beschreibungen über das Leben der Basken finden sich fast nur von Reisenden, die die Menschen oft als bäuerlich, aber freiheitsliebend und stolz beschrieben. Im Mittelalter nahm die wirtschaftliche Bedeutung zu, weil der Export von Handelsgütern über die Seehäfen der Region abgewickelt wurden. Die Basken genossen einige Privilegien, mussten aber immer um diese kämpfen, was oft zu im Spätmittelalter zu häufigen Konflikten führte. Die Zugehörigkeit zu Spanien ist bis heute von Repressalien und stetigem Kampf um Autonomie geprägt.

Neben dem Seehandel war Fischerei bzw. der Walfang  früher ein wichtiger Wirtschaftszweig, der die Basken sogar bis nach Island führte, was durch ein isländisch-baskisches Pidgin eindrucksvoll belegt ist. Die baskische Sprache an sich ist schon ein Unikat, weil sie nicht mit anderen europäischen Sprachen verwandt ist. Die Menschen sind sehr stolz auf das Baskische, was in der Vergangenheit durch den spanischen und französischen Staat wenig Wertschätzung erhielt. Etwa ein Drittel der Bewohner sprechen Baskisch und seit Ende der 1970er Jahre haben sich die Sprachbedingungen verbessert, z.B. durch Beschulung in baskischer Sprache.

Im Ausland erfuhr das Baskenland ab den 1960er Jahren durch das Wirken der ETA (Euskadi ta Askatasuna/ Freiheit für die baskische Heimat)  traurige Berühmtheit. Die Organisation verübte bis die 2010er Jahre Terroranschläge, die einen unabhängigen nationalistischen Staat zum Ziel hatten.

Heute besitzt die Region den Status einer Autonomieregion, wobei nur wenige  Angelegenheiten von der dortigen Regierung ohne spanische Beteiligung durchgesetzt werden können. Kritische Stimmen sprechen sich immer wieder für die Unabhängigkeit von Spanien aus.

Das Wappen des Baskenlandes besteht aus vier Feldern, auf denen wichtige Symbole der Region zu sehen sind. Das vier Feld ist seit 1986 einheitlich rot, weil das Wappen Navarras aufgrund eines Gerichtsurteils entfernt werden musste.

Quellen

Kurlansky, Mark. Die Basken. Eine kleine Weltgeschichte. München 2000.

Niebel, Ingo. Das Baskenland. Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts. Promedia, Wien 2009

Bildquelle

Von Miguillen, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6040432

Franz Bopp

Im Linguistikstudium sind viele Fakten und Modelle für uns fast selbstverständlich. Aber irgendwann musste jemand diese Dinge erst einmal formulieren und für die Wissenschaft zugänglich machen. Als Slawistin profitiere ich also von den Erkenntnissen vieler kluger Menschen und einer davon war Franz Bopp.

Franz Bopp wurde 1791 in Mainz geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Lehrer weckten sein Interesse an Sprachen wie Latein, Griechisch und Sanskrit. Bopp las besonders gerne Schriften über altindische Sprachen wie das Sanskrit und erkannte Zusammenhänge zwischen verschiedene Sprachen. Nachdem er sein Abitur abgelegt hatte, konnte er durch ein Stipendium Bayern nach Paris zum Studium gehen. Dort konnte er nicht nur seine Sanskritkenntnisse vertiefen, sondern hatte auch Zugang zu zahlreichen Schriften in den Pariser Universitätsbibliotheken, die unter anderem von Jean François Pons aus Indien nach Europa gebracht wurden.

Mit 25 Jahren verfasste er die Aufsehen erregende Schrift „Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache“, in der er Verbendungen mehrerer Sprachen verglich und damit einen Grundstein für die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft legte. Bopp verglich und analysiert historische Verbformen und konnte die von vielen angenommene Sprachverwandtschaft zwischen den indoeuropäischen Sprachen beweisen.

Nach dem Studium in Paris reiste er für einen kurzen Aufenthalt nach Deutschland, dann aber weiter nach London, um sich mit anderen Fachleuten auszutauschen und weitere Kontakte zu knüpfen.

1821 erhielt Bopp die Professur für Sanskrit und vergleichende Grammatik an der Universität zu Berlin, heute Humboldt-Universität zu Berlin, und ab 1825 die Professur für Orientalische Literatur.

Neben seiner Lehrtätigkeit verfasste er weitere Schriften, aufbauend auf seinen Untersuchungen für viele europäischen Sprachen, und war Mitglied in mehreren Gesellschaften in Deutschland, Russland und Frankreich.

Franz Bopp war verheiratet und lebte unweit der Universität. Über sein Privatleben ist nur wenig bekannt. Er starb 1867 in Berlin und wurde in Kreuzberg beigesetzt.

Seine Werke haben bis heute Bestand. Er war in so vielen Sprachen unterwegs wie kaum ein anderer und inspiriert Generationen von Sprachwissenschaftler*innen durch seine Art zu denken und zu forschen.

Quellen

Daniel Bunčić, Barbara Sonnenhauser, Anastasia Bauer & Tobias-Alexander Herrmann. 2024. Einführung in die Linguistik der slavischen Sprachen (Textbooks in Language Sciences). Berlin: Language Science Press.

Harald Wiese: Eine Zeitreise zu den Ursprüngen unserer Sprache. Wie die Indogermanistik unsere Wörter erklärt. Logos, Berlin 2007

Jahresrückblick 2025

Ein turbulentes Jahr geht zu Ende und selbst jetzt, zwischen den Jahren, bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. Und ja, das ist jammern auf sehr hohem Niveau! Aber ich kann einfach nicht untätig sein. Die Dinge auf meiner To-Do-Liste sitzen mir im Nacken und wenigstens eine Sache muss pro Tag abgearbeitet werden, damit mein innerer Monk zufrieden ist. Der Jahresrückblick ist so eine Sache!

Seit ich studiere, rechne ich eher im Rhythmus der Semester, das heißt mein Jahr geht eigentlich im Oktober los. Aber im Privatleben ist der Januar natürlich der Startpunkt des Jahres. Vorsätze gibt es eigentlich keine, die werden eh immer verworfen.

Das Studium und die Arbeit laufen seit Jahren parallel. Mittlerweile bin ich ein Profi für Zeitmanagement und plane realistischer als früher. Weniger Kurse, dafür mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, auch wenn sich das Studium dadurch etwas verlängert. Ich bin nicht mehr gewillt mein Studium einfach nur durchzuziehen, was mir im Bachelor noch oft einen zu vollen Stundenplan eingebrockt hat. Ich möchte Zeit für den Stoff haben, mich darin vertiefen, statt nach dem Semester alles zu vergessen. Gott sei Dank kann ich meine Schwerpunkte größtenteils selber wählen, das ist nicht überall so! Und ich bin außerdem in mehreren Gremien in der Uni aktiv, was einiges an Zeit nebenbei beansprucht.

Neben meinem Hauptstudium, Slawische Sprachen, habe ich seit dem Wintersemester 24/25 das Zertifikatsstudium ‚Deutsch im Mehrsprachigkeitskontext‘ absolviert und konnte es in diesem Oktober erfolgreich beenden. Das Praktikum für das Studium habe ich bei einem Verein für Geflüchtete gemacht, wobei ich nicht gedacht hätte, dass mir das Unterrichten so viel Spaß machen würde.

Eins der Highlights dieses Jahr war definitiv die Exkursion nach Wilamowice. Wir haben uns im Seminar mit Sprachkontakt zwischen germanischen und westslawischen Sprachen beschäftigt, was uns ins wundervolle Schlesien führte, um dort die kleinste germanische Sprache Wilmesaurisch kennenzulernen und Methoden der Feldforschung ausprobieren. Die praktische Arbeit der Linguistik kommt im Studium meist viel zu kurz, aber das war unsere Chance. Mein Projekt beschäftigte sich mit den Spracheinstellungen der Sprachgemeinschaft, die traurige Parallelen zum Niedersorbischen aufweisen.

Die niedersorbische Sprache nahm dieses Jahr einen riesigen Platz ein, mehr als alle anderen Sprachen. Mein Instagram-Account niedersorbisch.lernen läuft gut, ich habe neue Leute kennen gelernt, viele davon beim Sommerkurs in Cottbus sogar persönlich. Ich merke immer mehr, dass ich diese Kultur und Sprache als einen Teil von mir betrachte. Die Gleichgültigkeit, mit der viele in Deutschland den nationalen Minderheiten gegenübertreten, macht mich traurig und befeuert meine Motivation, dem Sorbischen meine ganze Kraft zu widmen.

Ein persönlicher Meilenstein war dieses Jahr mein 40. Geburtstag. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mir nur wenig aus Geburtstagen mache. Aber mein Mann hat die Gelegenheit genutzt und mir einen großen Traum erfüllt: eine Reise nach Prag. Die Stadt ist einfach nur atemberaubend und jede Sekunde dort wert!

Ein Jahr geht zu Ende, das turbulent, reiseintensiv und arbeitsreich war und in dem ich viel über mich selbst gelernt habe. Danke 2025!

Vielen Dank an alle fleißigen Leser*innen! Ich hoffe, ihr seid auch nächstes Jahr wieder mit dabei!

Wasser in der Mythologie

Wasser spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben. Wie wichtig Wasser für jeden von uns ist, erscheint erst einmal banal. Aber ohne können wir nur kurz überleben. Menschen haben ihre Siedlungen meist an einem Fließgewässer errichtet, damit ihre Wasserversorgung als erstes gesichert war. Die später aufkommende Landwirtschaft war ohne Wasserzugang ein riskantes Unternehmen und Streit um Wasserressourcen ist nichts Neues.

In der Philosophie gilt Wasser als eins der vier Grundelemente und wird seinen Status durch die Zeit hinweg nie verlieren. Generationen von Wissenschaftler*innen haben die Beschaffenheit und Eigenschaften von Wasser analysiert.

Es wird in allen Kulturkreisen, Mythologien und Religionen weltweit als lebendspendend und heilig verehrt. Besonders fließende Gewässer symbolisieren den Fluss des Lebens bzw. den Weg in eine anderes Leben, haben eine reinigende Funktion in Ritualen und werden von Wasserwesen aller Art bewohnt.

Wir kennen die traditionellen Waschungen vor dem Gebet in den großen Weltreligionen oder die Taufe der Christen, die nicht ohne Wasser funktioniert. Doch schon früher, in den heidnischen Kulturen, gab es Rituale mit und für das Wasser.  Diese alten Rituale finden sich, in abgewandelter Form und neuen Namen, in den Weltreligionen wieder.

Der Glauben, dass das Wasser nicht nur heilig ist, sondern auch selber lebt, ist weit verbreitet. Daher war es in vielen Kulturen nicht erlaubt Flüsse oder andere Gewässer zu verschmutzen z.B. bei den Persern.

Viele Flüsse und Meere, unabhängig vom Kulturkreis, beherbergen eigene Gottheiten oder mythische Wesen. Die beiden bekanntesten Vertreter sind wahrscheinlich Poseidon und Neptun aus der griechischen bzw. römischen Götterwelt, die noch heute vielen Seeleuten wichtig sind.

Neben den positiven Seiten des Wassers, kennen wir auch die Schattenseiten des Elementes. Die Geschichten von Ungeheuern, die Boote sinken lassen, oder Wesen, die Kinder ins Wasser locken und ertrinken lassen, sind weit verbreitet. In der slawischen Mythologie wimmelt es geradezu von Wassermännern, Nixen oder Wassergeistern, von denen viele mit Vorsicht zu genießen sind. Im deutschsprachigen Raum hat Heinrich Heine mit seinem Gedicht „Lied von der Loreley“ ein bekannte Beispiel erschaffen.

Besonders Flüsse markieren die Grenze von Leben und Tod, z.B. der aus der griechischen Mythologie bekannte Fluss Styx, der den Weg in die Unterwelt darstellt. Die Funktion der Grenzmarkierung ist auch in der irdischen Welt bekannt und wird seit jeher genutzt.

Welche Wasserwesen kennst du?

Quellen

Grimal, Pierre. Mythen der Völker III. Fischer Bücherei. Hamburg 1963

Zdeněk, Váňa. Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Die geistigen Impulse Ost-Europas, Urachhaus, Stuttgart 1992

Die Krim – Sonette

Als der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz 1824 wegen seiner politischen Aktivitäten nach Zentralrussland verbannt wurde, schuf er in darauffolgenden Jahr einen Gedichtszyklus, der auch in Deutschland großen Anklang fand: Die Krim – Sonette.

Sie gehören zu den frühen Arbeiten des Dichters und sind wie die ersten Werke ein Meilenstein der beginnenden polnischen Romantik. Die Sammlung besteht aus 18 Sonetten, die auf einer Reise entstanden sind und schon 1826 in Moskau veröffentlicht wurden.

Die Gedichte sind in einem beschreibenden Stil geschrieben, ähnlich wie wir es von deutschen Reisegedichten, z.B. von Joseph von Eichendorff oder Theodor Fontane, kennen. Dabei stimmt die Reihenfolge der Gedichte nicht mit der exakten Reiseroute überein, sondern wird durch die Handlung bestimmt.

Ähnlich wie in den Gedicht  Oda do młodości (dt. Ode an die Jugend) oder die Sammlung Ballady i romanse (dt. Balladen und Romanzen) zeigen auch die Krim-Sonette viele Natur- und mythologische Motive. Die Landschaft und ihre Beschreibung ist dabei aber eins der zentralen Elemente der Sonette.

Die ersten Sonette sind stark von der Fahrt von Odessa über das Meer geprägt, während im Verlauf erst Landschaften wie das Krimgebirge oder die weiten Steppen als Motive auftauchen. Auch geschichtliche Begebenheiten wie das Khanat der Krimtataren, in Form der Paläste bzw. den Ruinen davon und Friedhöfen, greift Mickiewicz als Thema in mehreren Gedichten des Zyklus auf. Es scheint, dass die Geschichte der Krimtataren eine besondere Faszination auf den Dichter ausübt, auch verflochten mit der Legende um eine schöne polnische Adlige, die angeblich entführt und im Harem des Herrschers lebte.

Die Faszination des Orientalischen, die Mischung der Religionen und der Mythologie lässt die Leserschaft eine unbekannte Welt entdecken, während die Natur in Form von Tieren oder Wetterphänomenen vertraute Elemente bilden. Die Sehnsucht nach der Fremde geht mit dem Heimweh des Dichters einher, der seine polnische Heimat nach der Verbannung nie wieder gesehen hat. Dieses Heimweh und der Stolz auf das (in dieser Zeit nicht existierende) Polen prägt nach Mickiewicz noch viele weitere Schriftsteller*innen.

Mickiewicz nutzt seine Dichtung immer wieder für politische Botschaften, obwohl diese Art der Dichtung in seinem späteren Werken noch deutlicher wird z.B. in Pan Tadeusz oder Dziady.

Als Schullektüre in Polen lesen alle Kinder diese Gedichte und auch Übersetzungen in viele europäische Sprachen lassen die Herzen von Lyrikfans höherschlagen.

Quellen

Miazek, Bonifacy (Hrsg.): Adam Mickiewicz. Leben und Werk. Peter Lang, Bern 1998

Opacki, Ireneusz. Sonety krymskie. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warszawa 1991

Brauchen Sprachen eine Schrift?

Diese Frage wurde mir vor einiger Zeit gestellt und ich habe reflexartig geantwortet: Na klar! Wie soll man sie denn ohne Schrift lesen können?

Ich bin, mal wieder, einem Stereotyp auf dem Lein gegangen und hätte ich mit der Antwort nur zwei oder drei Sekunden gewartet, wäre sie anders ausgefallen. Denn jede Sprache ist in erster Linie ein mündliches Kommunikationsmittel. Die Schrift, falls es eine gibt, ist eine Möglichkeit auch in geschriebener Sprache zu kommunizieren, d.h. Schrift ergänzt die Sprache.

Gesprochene Sprache ist viel älter als geschriebene Sprache und weltweit gibt es circa 3000, meist eher kleinere Sprachen ohne Schrift. Beispiele sind indigene Sprachen Nordamerikas oder Australiens. Sprachen sind komplex, egal ob mit oder ohne Schrift. Die Vorstellung, dass eine Schrift eine Sprache „besser“ mache, ist ein Argument, um die Sprachen abzuwerten und zu unterdrücken.

Kulturen mit schriftlosen Sprachen haben bestimmte Systeme zur Weitergabe von Wissen, Geschichten oder Heilmittel u.v.m. Oft werden sie von den Großeltern oder Dorfältesten an die jüngere Generation weitergegeben, was seit Jahrhunderten funktioniert solange die Gesellschaft in demselben Verbund zusammenlebt. Genau diese Gesellschaftsformen wie mehrere Generationen unter einem Dach o.ä. finden sich aber immer weniger. Das Wissen geht dann verloren, falls es nicht durch Aufzeichnungen in Schrift- oder Audioform gerettet werden konnte.

Viele Sprachen haben im Laufe ihrer Entwicklung entweder eine Schrift entwickelt oder eine Schriftsystem einer anderen Sprachen angenommen und nach ihren Bedürfnissen verändert. Diese Veränderungen sehen wir in Europa sehr häufig. Das lateinische Alphabet ist z.B. in slawischen Sprachen um diakritische Zeichen wie Hatscheks oder Ogoneks erweitert worden, um die spezifischen Laute der Sprachen zu verschriftlichen.

Eine Schrift erfüllt verschiedene Zwecke: Es ist ein Wissensspeicher und kann dadurch das jeweilige Wissen verbreiten. Außerdem ist es ein nützliches Instrument für die Verwaltung der immer komplexeren Gesellschaftsformen der Menschen. Die Verbreitung von literarischen, philosophischen oder medizinischen Wissen ist durch die Verschriftlichungen über große Strecken möglich und kann am Zielort vervielfältigt werden, ohne dass die ursprünglichen Autor*innen vor Ort sein müssen.

Rein technisch gesehen, lässt sich jede Sprache der Welt verschriftlichen. Die Frage ist nur wie. Entdecker*innen, Forscher*innen und andere haben schon immer versucht ihnen unbekannte Sprachen auszuschreiben. Ob sie sie nun einfach verstehen oder retten wollten, wie z.B. indigene Sprachen durch kolonialen Ambitionen an den Rand des Sprachtodes gebracht wurden, lässt sich nicht immer sagen. In der neueren Sprachwissenschaft ist aber das Bestreben zur Dokumentation (Lautsystem, Grammatik etc.) gefährdeter Sprachen eins der obersten Ziele. Am einfachsten lässt sich z.B. das Lautsystem mit dem Internationalen Phonetischen Alphabet schreiben, weil es unabhängig von orthografischen Konventionen funktioniert. Seit die Technik auch Audio- und Filmaufnahmen ermöglicht, sind weitere Dokumentationsmöglichkeiten dazugekommen.

Gerade bei kleinen Sprachen kann es hilfreich sein sie zu verschriftlichten, um die Sprache zu erhalten. Es lässt sich allgemein sagen, dass verschriftlichte Sprachen besser in ein Bildungssystem zu integrieren sind, z.B. für die Lehrkräfteausbildung und den Erhalt der kulturellen Vielfalt. Auch die Wissenschaft bekommt einen leichteren Zugang und die Akzeptanz für die Sprache steigt.

Kennst du Sprachen ohne Schrift? Schreib sie in die Kommentare!

Quellen

Haarmann, Harald Haarmann. Geschichte der Schrift. Beck, München 2002

Hussman, Heinrich. Das kleine Buch der Schrift : vom Ursprung bis zur Gegenwart. Bechtermünz, Augsburg 1997

Deutsche Sprachinseln im Pazifik

Viele Deutschsprachige gründeten im 19. Jahrhundert  in Amerika, Australien und anderen Ländern Siedlungen, die dem Gesetz des jeweiligen Staates unterlagen. Von der Seite Preußens, dass seiner Ansicht Anspruch auf Kolonien hatte, wurden Siedlungen nach preußischen Gesetzen gegründet. Bestehende indigene Herrschaftsgebiete verloren ihren Status mit Beginn der Inbesitznahme, so auch in Ozeanien, das von den Europäern unter sich aufgeteilt wurde.

Preußen nahm sich u.a. Teile des heutigen Papua-Neugineas, Mikroniesiens und einen Teil Samoas. Militärisch waren diese Gebiete nur bedingt interessant, aber der Anbau von Kokosnuss, Tabak, Sandelholz und andere Gütern war gewinnversprechend. In der ersten Zeit lebten dort vor allem Kaufleute und Angestellte, erst später kamen die Familien nach. Die meisten Bewohner waren jedoch Arbeitskräfte von verschiedenen Inseln. Die Verwaltung war nach preußischem Vorbild straff organisiert, wichtige Orte waren Apia oder Friedrich-Wilhelmshafen.

Ab 1884 kamen immer mehr Deutsche in die Kolonien, angeworben als Arbeitskräfte im kaufmännischen Bereich und für die Plantagenbewirtschaftung. Nach einigen Jahren folgten Missionare, die sich über die ganze Pazifikregion verteilten. Der deutsche Einfluss machte sich sehr schnell im Bildungssektor bemerkbar, denn die Schulpflicht galt auch für die Kolonien und so wurden Missionsschulen eingerichtet. Deutsch war dort entweder Unterrichtssprache oder wurde als Fremdsprache gelehrt. Nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die deutsche Kultur sollte in den Kolonien die Überlegenheit der Europäer aufzeigen. Es gab jedoch eine Mangel an Lehrkräften mit muttersprachlichem Deutschniveau, sodass auch Teile der indigenen Bevölkerung an der Schulen unterrichteten.

In manchen Gegenden, z.B. auf Saipan, war Deutsch so verbreitet, dass öffentliche Bekanntmachungen auf Deutsch aushingen. Es war durchaus üblich, dass Einheimische in der Verwaltung oder im Polizeidienst arbeiteten.

Die deutsche Sprache spielte zur Kolonialzeit innerhalb der Bevölkerung nur eine untergeordnete Rolle, selbst die Kinder aus den gemischten Ehen sprachen oft nur schlecht Deutsch. Einige Siedlungen waren aber stärker von der deutschen Sprache und Kultur geprägt, in Abhängigkeit der Einwohner*innen. Solche Siedlungen gab es auf Samoa und Deutsch-Neuguineas, sie überschritten aber kaum die Grenze von 1000 Einwohner*innen.

Neben Deutsch wie es in Deutschland gesprochen wurden, entwickelte sich eine Varietät: Unserdeutsch. Die Sprecher*innen dieser Varietät waren meist Nachkommen mit interethnischer Herkunft. Die zahlreichen Kontaktsprachen in den Kolonien beeinflussten die Sprachen der Kolonialherren, mitunter entstanden Pidginsprachen , die sich zu Kreolsprachen weiterentwickelten. Das bekannteste Beispiel ist Tok Pisin, das englisch-basiert ist.

Die Deutschen blieben meist unter sich, besuchten eigene Messen und Schulen. Da es keine großen Siedlungen gab, etablierten sich kaum Vereine für Kultur, Sport oder Gaststätten. Eine einzige deutschsprachige Wochenzeitung gab es bis 1915 auf Samoa. Bibliotheken waren nur in kleiner Zahl und meist in privaten Haushalten zu finden.

Die beiden Weltkriege gingen auch an den deutschen Siedlern nicht spurlos vorbei. Je nach Situation wurden sie entweder ausgewiesen, interniert oder durften unter Auflagen bleiben, meist wenn die Ehepartner*innen Indigene waren.

Heute spielt das Deutsche in den Länder, die aus den Kolonien hervor gegangen sind, keine Rolle mehr. Nur im Wortschatz des Tok Pisin, was heute eine Amtssprachen in Papua-Neuguinea ist,  finden sich einige deutsche Wörter. Deutsche Sprachinseln sind in der Region so gut wie nicht mehr vorhanden, von einzelnen Sprecher*innen im höheren Alter abgesehen. Deutschkenntnisse wurden durch den Gebrauch des Englischen unnötig und sind nicht mehr weitergegeben worden.

Quelle

Plewnia, Albrecht & Riehl, Claudia Maria. Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Übersee. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, Tübingen 2018