Die Geschichte der Gebärdensprachen

Bei dem Begriff ‚Sprache‘ denken wir sofort an Lautsprache. Doch Menschen können auf vielfältige Weise kommunizieren außer mit ihrer Stimme, z.B. mit ihren Händen. Und das ist keine Seltenheit. Weltweit gibt es über 200 Gebärdensprachen!

Gebärdensprachen sind vollwertige Sprachen mit eigener Grammatik und Wortschatz. Sie unterscheiden sich in ihrer Komplexität nicht von den Lautsprachen, die wir als selbstverständlich ansehen. Und genau wie andere natürliche Sprachen entwickeln sie sich stetig weiter.

Dass Gebärdensprachen entstanden sind, ist nicht verwunderlich. Schon immer haben sich Menschen auch durch Gebärden bzw. Gesten verständigt, wenn die Situation es erforderte. Doch wie die ersten Gebärdensprachen entstanden sind, ist unklar. Sicher ist aber, dass schon in der Antike von Menschen berichtet wurde, die sich mit Gebärden verständigt haben, auch wenn es von den Zeitgenossen oft als minderwertige Kommunikationsform abgetan wurde.

Taubheit bzw. Schwerhörigkeit galt lange Zeit als eine Strafe Gottes und daher wurde auf Bildung der Menschen oder eine eigene Gebärdensprache kaum Wert gelegt. Im Mittelalter kamen bei den europäischen Mönchen trotzdem eine Art Gebärdensprache auf, denn sie das Schweigegelübde vieler Mönche erforderte dies. Nicht nur Gebärden, auch Fingeralphabete entstanden in den Klöstern. Auch an Herrscherhöfen kannte man ähnliche Systeme, damit die Kommunikation zwischen dem Personal lautlos verlief. Doch das waren trotz allem noch keine Sprachen wie wir sie heute kennen.

Auf ihren Eroberungs- und Entdeckerreisen trafen die Europäer auf viele Indigene im Amerika, die eine Gebärdensprache verwendeten, unabhängig von Hörversmögen.

Im späten Mittelalter entwickelte sich eine humanistische Sicht auf die Bildung von tauben oder schwerhörigen Personen, ähnlich wie bei Blinden. Das galt vorerst nur für Menschen aus den höheren Schichten, setzte sich aber bald für alle durch. Die Lehrmethoden unterschieden sich stark von den heutigen und setzten viel auf Schreiben und das Fingeralphabet.

In Nordamerika entwickelte sich der Vorläufer der American Sign Language ab dem Ende des 17. Jahrhunderts, weil viele Gehörlose in Gemeinschaften wie auf Martha’s Vineyard zusammenlebten. Sie brauchten eine gemeinsame Sprache, unabhängig von ihrer Herkunft.

In Europa wurden Schulen für Kinder gegründet, die sich aber zu großen Teilen versuchten den Kindern die Lautsprache beizubringen. Gebärdensprache zu unterrichteten, war eher ungewöhnlich. Die ersten Versuche fanden in Frankreich statt. Das erklärt die Verwandtschaft vieler europäischer Gebärdensprachen mit der französischen.

Gebärdensprachen als eigene Sprachsysteme entstanden im 19. Jahrhundert. Es gab immer noch kein einheitliches Lehrprogramm, die Kinder nutzten aber schon ihre eigenen Gebärden, auch wenn das noch teilweise verboten war. Gegner der Gebärdensprachen versuchten mit allen Mittel den Gebrauch zu verbieten und die Menschen weiterhin zum lautlichen Sprechen zu bringen. Bis heute sehen viele Gebärdensprachen als minderwertig an.

In Deutschland wurde die deutsche Gebärdensprache zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannter. Es entstanden mehr Schulen, die sich zwar noch mit Lautsprache arbeiteten, sich aber um die Bildung Gehörloser kümmerten und auch die deutsche Gebärdensprache nutzten.

In der Zeit des Dritten Reiches wurden Gehörlose als minderwertig eingestuft, zwangssterilisiert oder ermordet. Nach dem Krieg gründete sich der Deutsche Gehörlosenbund und auch weltweit organisierten sich immer mehr Menschen, was 1951 zur Gründung der Weltverbandes der Gehörlosen in Rom führte.

Heute gibt es viel Forschung zur Struktur der Gebärdensprachen, zahlreiche Studiengänge, Dolmetscherlehrgänge usw. Die Gebärdensprachen unterscheiden sich wie Lautsprachen auch voneinander. Nicht nur die Hände, sondern auch ihre Position im Raum, die Mimik, Lippenbewegung und viele weitere Faktoren lassen ein komplexes Sprachsystem entstehen. Selbst Dialekte innerhalb einer Sprache sind keine Seltenheit und zeugen von der Individualität der Sprechergemeinschaften.

In vielen Ländern ist die jeweilige Gebärdensprache als Amts- oder Minderheitensprache anerkannt, was ihren Status als eigenständige Sprache unterstreicht. Gebärdensprachen sind Teil der persönlichen Identität und gehören zur Teilhabe am öffentlichen Leben einfach dazu.

Quellen

Ashraf, Mohammed. Gebärdensprache als natürlich entstandene Sprache. Beni-Suef University International Journal of Humanities and Social Sciences 2020

Sacks, Oliver. Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001

Die Uckermark

Im Nordosten Brandenburgs liegt die Uckermark, an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern und Polen, mit dem Verwaltungssitz in Prenzlau. Die historische Region ist größer als der heutige Landkreis.

Die Region ist eine der größten Landkreise Deutschland. Dazu gehören 72 Naturschutzgebiete und zahlreiche Seen, die zur Mecklenburgischen Seenplatte gehören. Trotz der Größe leben hier im Verhältnis nur rund 117.000 Menschen. Die größten Städte sind Schwedt, Prenzlau und Templin.

Die erste Besiedlung der Uckermark geht auf die Mittelsteinzeit zurück. Vor der Völkerwanderung waren hier germanische Stämme u.a. die Semnonen ansässig, die dann weiter nach Westen zogen. Das Gebiet wurde dann vom slawischen Stamm der Ukranen besiedelt, von dem der Name Uckermark abgeleitet ist. Die Ukranen kamen wie viele slawische Stämme zur Zeit der Völkerwanderung in diese Gegend und lebten von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Der Name ‚Ukranen‘ ist wahrscheinlich vom Fluss Ucker abgeleitet. Da die Slawen keine Schriftquellen hinterließen, ist ihre Eigenbezeichnung nicht überliefert.

Die erste Erwähnung der Uckermarkals Region findet sich im Vertrag von Landin im Jahr 1250 als sie in den Besitz der Brandenburgischen Herzöge übergeht. Die Uckermark bildete historisch eine Übergangszone zwischen Brandenburg und Pommern, war daher auch strategisch wichtig. Die Siedlungen, u.a. Prenzlau, waren Stationen auf wichtigen Handelsrouten nach Magdeburg und Stettin. Auch wegen der deutschen Expansion der Brandenburgischen Herrscher nach Osten in Richtung des heutigen Polens spielte die Uckermark eine entscheidende Rolle.

Im 30-jährigen Krieg wurden fast 50% der Dörfer zerstört und ein Drittel der Stadtbevölkerung getötet bzw. kam durch Hungersnöte und die Pest um. Um die Uckermark wieder aufzubauen, siedelte der Kurfürst Menschen aus den Niederlanden an, die von der Religionsfreiheit im Land profitierten. Weitere kriegerische Auseinandersetzungen, z.B. der brandenburgisch-schwedische Krieg (1674–1679), ließen die Region kaum zur Ruhe kommen.

Erst im 18. Jahrhundert stieg die Wirtschaftskraft, besonders durch den Bau von Kanälen und den Anbau von Getreide. Die Veränderungen der Landschaft prägen das Aussehen der Region bis heute. Die Bedeutung als Berlins Kornkammer hat sie schon längst verloren. Im gesamtdeutschen Vergleich ist die Region nur schwach entwickelt, jedoch gewinnt die Windkraft und der Tourismus an Bedeutung, der sich durch die Naturschutzgebiete und die vielfältigen Möglichkeiten Sport zu treiben auszeichnet.

Neben der reichen Flora und Fauna kann die Uckermark, wie andere brandenburgische Regionen auch, mit einer Vielzahl an Herrenhäusern und prachtvollen Villen punkten, die immer mehr zu kleinen Kulturzentren, Museen oder Theatern umgebaut werden.

Das in ganz Norddeutschland verbreitete Niederdeutsch hört man hier in einer ostniederdeutschen Varietät, die auch Einflüsse der niederländischen Siedler zeigt. Genaue Sprecherzahlen sind schwer zu erheben und die dialektale Abgrenzung ist nicht immer klar.

Das Wappen der Uckermark ist erst wenige Jahrzehnte alt, orientiert sich aber an historischen Gegebenheiten. Es zeigt ein roten Bachsteinturm mit einer Torbogenmauer, an der zwei Spitzschilde mit Adler und Greif hängen, auf goldenem Grund mit einem blausilbernen Balken im Hintergrund.

Quellen

Enders, Lieselotte. Die Uckermark: Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert. BWV, Berlin 2008

Kirsch, Kerstin. Slawen und Deutsche in der Uckermark. Franz Steiner, 2004

Fremdsprachunterricht in Deutschland

Sprachen sind Alltag an deutschen Schulen, als Unterrichtsfach und als Herkunftssprachen. Und es besteht allgemeiner Konsens, dass Sprachen ein wichtiger Bestandteil von guter Bildung sind. Doch wie ist die aktuelle Situation der Fremdsprachen an deutschen Schulen?

In Deutschland und deutschen Schulen im Ausland werden zahlreiche Fremdsprachen angeboten, wobei die Dominanz einiger Sprachen klar heraussticht. Für die vier deutschen Abschlüsse müssen alle Schüler*innen bestimmte Fremdsprachenkenntnisse nachweisen. Für den Hauptschulabschluss, den Mittleren Schulabschluss und die Fachgebundene Hochschulreife wird eine Fremdsprache gefordert, für das Abitur zwei.

Neben Deutsch als Unterrichtssprache (abweichend bei bilingualem Unterricht) beginnt der Fremdsprachenunterricht in der Grundschule ab der dritten Klasse, mancherorts auch früher. Die erste Fremdsprache ist dabei meist Englisch. Allgemein kann ab der 7. oder 9. Klasse eine zweite Fremdsprache dazu gewählt werden, abhängig vom Schultyp und der ersten Fremdsprache. Welche Sprache das ist, hängt vom Angebot der Schule ab und ist für viele Eltern eins der wichtigsten Kriterien bei der Schulwahl.

In Deutschland leben Menschen aus allen Ländern der Erde und dementsprechend vielfältig sind die Herkunftssprachen der Kinder. Doch diese Vielfalt spiegelt sich kaum in den angebotenen Fremdsprachen wider. Es liegt auf der Hand, dass nicht jede Schule die Kapazitäten hat, um mehr als drei oder vier Fremdsprachen anzubieten. Neben Englisch sind, laut Statistischem Bundesamt, Sprachen wie Französisch, Spanisch, Latein und Russisch zahlenmäßig am häufigsten. Im Laufe der letzten 25 Jahre haben sich die Zahlen allerdings zugunsten des Spanischen verschoben, Russisch hat am meisten an Boden verloren.

Das Sprachenangebot in Deutschland zeigt ein deutliches geografisches Profil. In Schulen, die an Nachbarländer wie Frankreich grenzen, ist der Französischanteil weiterhin hoch. In den Bundesländern, die in der DDR den obligatorischen Russischunterricht angeboten haben, schwindet das Russischangebot seit der Wiedervereinigung, das Spanischangebot steigt. Aber auch andere ‚kleinere‘ Sprachen kann man an deutschen Schulen finden. In Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern können Kinder im deutsch-polnischen Grenzgebiet oft Polnisch als Fremdsprache wählen, ebenso in wenigen Schule im restlichen Bundesgebiet. In Norden Deutschlands ist Niederdeutsch häufiger Bestandteil des Angebotes und im sorbischen Siedlungsgebiet Ober- bzw. Niedersorbisch. Auch die friesische Minderheit erhält Friesisch-Unterricht. Das Recht auf Unterricht in den anerkannten Minderheiten- und Regionalsprachen ist in Deutschland gesetzlich verankert, wird aber durch den Mangel an Lehrkräften nicht überall umgesetzt.

Ein wichtiges Kriterium für das Angebot ist das jeweilige Bundesland, in dem sich die Schule befindet. Die Bundesländer müssen für diese Sprachen die Ausbildung von Lehrkräften sicherstellen oder sie von woanders holen. Das gilt nicht nur für die Sprachen der nationalen Minderheiten, sondern auch für Sprachen wie Italienisch, Türkisch, Arabisch u.v.m. Nicht alle Bundesländer bieten für die ‚kleinen‘ Sprachen Lehramtsstudiengänge an. Theoretisch können die Schulen aber fast alle Sprachen in ihr Lehrangebot aufnehmen, wenn sie Lehrkräfte finden. Deshalb gibt es oftmals nur AG-Angebote für viele Sprachen, die nicht den regulären Lehrplan aufgenommen werden.

Dennoch sind diese Sprach-AGs eine gute Möglichkeit die sprachliche Vielfalt und das Interesse der Schüler*innen zu fördern. Dabei sind vor allem asiatische Sprachen wie Japanisch und Mandarin für immer mehr Schüler*innen interessant. Auch bilinguale Unterrichtsangebote, besonders oft findet man die Kombination Deutsch-Englisch, werden zunehmend wichtiger und nachgefragter. Fremdsprachenkenntnisse gelten als ein wichtiger Baustein für eine gute berufliche Zukunft. Mal ganz abgesehen davon, dass viele Schüler*innen in Deutschland neben Deutsch auch noch eine zweite Sprache als Herkunft- bzw. Familiensprache mitbringen und daher schon zweisprachig eingeschult werden.

Wir sollten diese Vielfalt schätzen und alle Kinder darin bestärken sich mit Sprachen zu beschäftigen, egal welche. Denn auch wenn es nachgewiesen ist, dass in Deutschland einige Sprachen ein höheres Prestige genießen und häufiger unterrichtet werden, ist jede Sprache eine Bereicherung für unsere Gesellschaft!

Quellen

Kultusminister Konferenz: https://www.kmk.org

Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de

Drachen in der slawischen Mythologie

In jeder Mythologie findet man Drachen, unabhängig vom Kulturkreis. In der slawischen Mythologie wimmelt es geradezu von Drachen. Anders als im Deutschen, wo der Name vom Griechischen ‚drakōn‘- ‚Schlange‘ abgeleitet ist, findet man in den slawischen Sprachen die slawische Entsprechung für Schlange: poln. Żmija, russ. Змей (zmej) oder kroat. Zmaj usw. Die abweichende Bezeichnung ‚Smok‘, wie beim Wawel-Drachen, ist in Polen sehr verbreitet.

In der Mythologie der Slawen werden weibliche und männliche Drachen unterschieden. Weibliche Drachen sind Wasserwesen oder wohnen unterhalb der Erde. Männliche Drache werden eher mit Luft und Feuer assoziiert, sie können fliegen und speien Feuer. Beide wirken wie zwei Gegensätze bzw. ergänzen die vier Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser miteinander zu einem großen Ganzen. Ihr Aussehen ähnelt sich: Groß, geschuppt, aber verschieden farbig und auch die Kopfanzahl ist variabel.

Die slawische Mythologie ist nicht überall gleich. Es gibt mehrere, oft ähnlich erscheinende, kleinere Kulturkreise, in denen man verwandte Wesen und Gottheiten findet. Sie lassen auf einen gemeinsamen Ursprung schließen, jedoch spielen andere Einflüsse eine große Rolle.

Schon allein der Gedanke an Drachen lässt die Menschen an das ultimative Böse denken. Die Eigenschaften von Drachen sind aber verschieden und abhängig vom Kulturkreis. Die Dämonisierung ist auch Teil des christlichen Glaubens, der Drachen mit dem Teufel gleichsetzt. Das führte u.a. dazu, dass ein ursprünglich mit positiven Eigenschaften besetztes Wesen wie ein Drache, plötzlich als böse angesehen wurde. Eine bekannte Geschichte ist die vom Heiligen Georg, der einen Drachen tötet, damit sich die Menschen dem Christentum zuwenden. Das Narrativ des Kampfes Gut gegen Böse mit dem Drachen als absolut Böses kommt immer wieder vor.

Im südslawischen Raum kennt man Drachen mit mehreren Köpfen, die Zahl variiert von Region zu Region, und er richtet mit seinem Feuer große Schäden an. Das erinnert an den Wawel-Drachen in Krakau. Auch er terrorisierte die Menschen und wurde am Ende durch eine List getötet. Eine Legende im russischsprachigen Raum erzählt von dem Drachentöter Dobrynja Nikititsch, dessen Taten sich u.a. mit dem deutschen Helden Siegfried vergleichen lassen.

Doch es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Drachen in der slawischen Mythologie ausschließlich böse seien. Vor allem die weiblichen Drachen werden durch die Assoziation mit Wasser und Erde als Teil der lebendigen Natur, der Vegetation und der Ernte angesehen. Es war wichtig sich mit diesen Wesen gut zustellen, sie zu füttern und zu ehren.

In der sorbischen Sagenwelt gibt es Plón, einen fliegenden Drachen, der den Menschen wohlgesonnen ist, solange sie ihn füttern. Er sorgt dann für einen Geldsegen im Haus oder auch für eine gute Ernte. Behandelt man ihn schlecht, verschwindet er aus dem Haus und mit ihm der Reichtum. Diese Legende ist auch im deutschen Raum bekannt, v.a. im ostdeutschen Raum, was für eine Übernahme der Geschichte aus der sorbischen bzw. elbslawischen Sagenwelt spricht.

Bis heute hält sich die Faszination für Drachen. Sei es in Filmen wie ‚Der Hobbit‘, wo der Drache Smaug viele typische Elemente in sich vereint, oder in freundlicher Version wie ‚Der kleine Drache Kokosnuss‘, ein Star der Kinderbuchliteratur.

Quellen

Canby, Sheila R.: Drachen. In: John Cherry (Hrsg.): Fabeltiere. Von Drachen, Einhörnern und anderen mythischen Wesen. Reclam, Stuttgart 1997

Sächsische Sagen. Regionale Legenden und Geschichten, Verlag Tosa, Wien 2017

Minderheiten in Polen

Kein Land auf der Welt hat eine homogene Bevölkerung, denn Ländergrenzen sind fast immer politisch motiviert. Die Volksgruppen, die entlang dieser Grenzen leben, werden nicht in solche Fragen mit einbezogen. Daher leben in Nationalstaaten neben der Mehrheitsbevölkerung immer auch ethnische, nationale und sprachliche Minderheiten.

In Polen leben viele ethnische Minderheiten, von denen einige seit einigen Jahren auch als nationale Minderheiten gesetzlich anerkannt und dadurch, theoretisch, besser geschützt sind als in vielen anderen Ländern.

In der polnischen Verfassung von 1997 ist der Schutz von Minderheiten festgeschrieben, aber erst seit dem Beitritt in die Europäische Union am 1.Mai 2004 hat sich Polen zur europäischen Idee der Vielfalt bekannt und ein ‚Gesetz zum Schutz ethnischer und nationaler Minderheiten sowie der Regionalsprache‘ verabschiedet, in dem genau festgelegt ist wer als ethnische bzw. nationale Minderheit gilt und welche Rechte sich aus diesem Schutzstatus ergeben.

Nationale und ethnische Minderheiten müssen laut Gesetz bestimmte Kriterien erfüllen, z.B. unterscheiden sie sich wesentlich von der Mehrheitsgesellschaft durch ihre Sprache und Traditionen, sind sich ihrer Gemeinschaft bewusst, sind polnische Staatsbürger, sind seit mindestens einhundert Jahren in Polen ansässig und identifizieren sich mit Polen.

Als nationale Minderheit sind die belarusische, tschechische, litauische, deutsche, armenische, russische, slowakische, ukrainische und jüdische Minderheiten anerkannt, was sich teilweise historisch und geografisch erklären lässt. Zahlenmäßig bilden die deutsche, ukrainische und belarusische Minderheit die größten nationalen Gruppen in Polen, laut der Befragung im Bericht ‚National-ethnische, sprachliche und konfessionelle Struktur der polnischen Bevölkerung‘ (poln. Struktura narodowo-etniczna, językowa i wyznaniowa ludności Polski – NSP 2011).

Die Definition als ethnische Minderheit unterscheidet sich nur wenig von der Definition als nationale Minderheit. Sie sind zwar polnische Bürger, identifizieren sich aber als eigenständige Gruppe. Die Definition ist, meiner Meinung nach etwas schwammig, denn das Bekenntnis zu einer Minderheit ist freiwillig und darf nicht nachgeprüft werden. Als ethnische Minderheit gelten laut Gesetz die Minderheiten der Karäer, Tataren, Lemken und Roma.

Die Kaschuben und Schlesier, die zwei große Gruppen bilden, gehören offiziell keiner Minderheit an. Jedoch stehen ihre beiden Sprachen, Kaschubisch und Schlesisch, unter besonderem Schutz. Kaschubisch wurde schon 2005 beim ersten Gesetzentwurf miteinbezogen und als Regionalsprache anerkannt. Das Schlesische musste bis dieses Jahr warten und wurde im Mai 2024 vom Sejm als Regionalsprache anerkannt. Die beiden Regionalsprachen haben einen besonderen Status, z.B. haben ihre Sprecher*innen Anspruch auf die Verwendung auf Ämtern und als Unterrichtssprache. Während das für Kaschubisch schon etabliert ist, läuft die Umsetzung beim Schlesischen jetzt erst an.

Alle Zahlen in dem Bericht von 2011 sind freiwillig und lassen Interpretationsspielraum. Der Gedanke, dass Minderheiten besonderen Schutz genießen, ist in Europa ein fester Grundsatz und fördert nicht nur die Akzeptanz der Vielfalt, sondern auch die Sichtbarkeit dieser Gruppen. Doch haben anerkannte Minderheiten in Polen auch besondere Rechte und Vorteile?

Theoretisch ja, aber die praktische Umsetzung ist nicht immer gegeben. Angehörige von Minderheiten dürfen bspw. ihren Namen in Personaldokumenten in der Schreibweise ihrer Sprache eintragen lassen. Außerdem soll es den Minderheiten erleichtert werden ihre Kultur und Traditionen zu leben, was im Gesetz aber nicht näher definiert wird. Theoretisch können Angehörige von Minderheiten gegen Diskriminierung z.B. im Schulalltag oder bei Bewerbungen klagen, aber momentan sind solche Vorgänge eine Seltenheit, was sich jetzt mit der liberaleren und proeuropäischeren Regierung ändern könnte.

Quellen

Struktura narodowo-etniczna, językowa i wyznaniowa ludności Polski – NSP 2011

https://stat.gov.pl/spisy-powszechne/nsp-2011/nsp-2011-wyniki/struktura-narodowo-etniczna-jezykowa-i-wyznaniowa-ludnosci-polski-nsp-2011,22,1.html

Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten sowie die Regionalsprache vom 6. Januar 2005

https://www.gov.pl/web/mniejszosci-narodowe-i-etniczne/ustawa-o-mniejszosciach-narodowych-i-etnicznych-oraz-o-jezyku-regionalnym

Gerhart Hauptmann

Wer sich mit deutscher Literatur beschäftigt, kommt nicht an Gerhart Hauptmann vorbei, auch wenn sein Wirken nicht vorbehaltlos positiv bewertet werden kann.

Gerhart Hauptmann wurde 15. November 1862 im damaligen deutschen Ober Salzbrunn, heute Szczawno-Zdrój, in Niederschlesien geboren. Dort wuchs er mit seinen drei Geschwistern auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit. Die Schule war ihm weniger wichtig, der Alltag im preußischen Schulalltag fiel ihm schwer. Eine begonnene Lehre 1878 in der Landwirtschaft bricht er aus gesundheitlichen Gründen ab und beginnt eine Bildhauerausbildung in Breslau (heute Wrocław). Auch diese Ausbildung und die Studie der Philosophie und Geschichte brachte er nicht zu Ende.

1885 fand die Hochzeit Hauptmanns mit Marie Thienemann, die ihn seit Jahren finaziell unterstützte. Im Laufe der nächsten Jahre wurden drei Söhne geboren und die Familie ließ sich 1891 im Riesengebirge nieder.

Hauptmann schrieb in den ersten Ehejahren viel, besonders Dramen wie ‚Die Weber‘, das besonders sozialkritisch war. Das Eheleben mit Marie war überschattet von Krisen und Untreue Hauptmanns, die Scheidung erfolgte 1904. Hauptmann heiratete seine Geliebte Margarete Marschalk noch im selben Jahr.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete Hauptmann auch an Verfilmungen seiner Werke und inszenierte Theaterstücke.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, sympathisierte Hauptmann teilweise mit der Ideologie, Kritik zu bestimmten Punkten äußerte er zwar nie öffentlich, notierte sie aber in seinen Tagebüchern. Er war kein Parteimitglied, wurde aber von den Nazis, wegen seiner Bekanntheit, gerne als einer von ihnen tituliert. Auch seine Werke spiegelten nicht unbedingt die Nazi-Ideologie wider, anstehende Veröffentlichungen neuer Werke wurden verschoben. Einige Verfilmungen durften nur zensiert gezeigt werden z.B. ‚Der Biberpelz‘.

Nach Kriegsende fiel der Wohnort Hauptmanns in den Verwaltungsbereich Polens und im April 1946 sollte er endgültig nach Deutschland ausreisen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er mit einer Ausnahegenehmigung in Schlesien bleiben dürfen. Die Ausreise wurde tragischerweise durch den Tod  Hauptmanns am 6. Juni 1946 nichtig, eine Bestattung in der Heimat verwehrt, sodass er seine letzte Ruhe auf Hiddensee fand.

Das gesamte Werk Hauptmanns umfasst zahlreiche Dramen, Erzählungen, Gedichtbände, Romane und persönliche Aufzeichnungen, dass er zurecht als einer der produktivsten Schriftsteller gilt. Er beschränkte sich nicht auf eine Richtung, obwohl seine Vorliebe für den Naturalismus immer wieder deutlich zu sehen ist. Auch sozialkritische und politische Themen nehmen einen großen Platz ein, sorgten bei Theateraufführungen auch regelmäßig für kleinere Skandale. Einige Stücke wie z.B. ‚Die Weber‘ durften zeitweilig nicht aufgeführt werden, da sie von der preußischen Zensur als Aufruf zu Unruhen angesehen wurden. Ob die Fassung im schlesischen Dialekt dazu beigetragen hat?

Innerhalb und außerhalb Deutschland genoss Gerhart Hauptmann einen guten Ruf und wird bis heute gerne und viel gelesen. Die fehlende Distanz zum Nationalsozialismus trübt sein Erbe. In beiden deutschen Staaten wurden seine Stücke aufgeführt, auch wenn die Resonanz in der DDR erheblich größer war. Das lässt sich mit dem Ansatz der Sozialkritik erklären, die in der DDR als politisch gewünscht angesehen wurde.

Heute erinnern zahlreiche Straßen und Benennungen von Theatern, Schulen etc. an den fleißigen Hauptmann. Seine Werke wie ‚Bahnwärter Thiel‘ oder ‚Die Ratten‘ gehören an in vielen deutschen Schulen zur Pflichtlektüre.

Quellen

Leppmann, Wolfgang. Gerhart Hauptmann. Eine Biographie. Ullstein, Berlin 2007

Sprengel, Peter. Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie. Beck, München 2012

Niederdeutsch

Dass in Deutschland nicht nur Deutsch gesprochen wird, ist sicherlich allen klar. Neben Sprachen mit großen Sprecherzahlen, z.B. Polnisch oder Türkisch, sind in Deutschland mehrere Sprachen als Regional- und Minderheitensprachen anerkannt. Eine davon, anerkannt als Regionalsprache, ist Niederdeutsch.

Niederdeutsch wird auch Plattdeutsch (in den Varietäten auch Plattdütsch, Plattduitsk, in den USA Plautdietsch) genannt und hat, je nach Zählweise, bis zu 8 Millionen Sprecher*innen. Das hört sich viel an, hängt aber von den Kenntnissen ab und verteilt sich aber über den ganzen Globus. In Deutschland sprechen es schätzungsweise 5-6 Millionen Menschen, etwa 2 Millionen in den Niederlanden und eine halbe Million in Übersee v.a. in Brasilien.

Der Name Niederdeutsch wird als geografische Bezeichnung verstanden, da die Sprache in den niedrig liegenden Regionen, d.h. vor allem im Norden Deutschlands, gesprochen wird. Anders als die bundesdeutsche Standardsprache kennt das Niederdeutsche keine genormte Schriftsprache, weil sich das Verbreitungsgebiet wie ein breiter Sprachgürtel quer durch Norddeutschland und die Niederlande spannt und sich unzählige Dialektvarietäten entwickelt haben. Heute unterscheidet man zwei große Gruppen: Westniederdeutsch und Ostniederdeutsch, die sich beide in mehrere kleineren Gruppen verzweigen.

So lange wie es das Deutsche in seinen Formen und Ausprägungen gibt, so lange entwickelt sich das Niederdeutsche. Durch Sprachwandel und Sprachgrenzen entwickelte sich das Niederdeutsche anders als das Oberdeutsche und wird heute nicht automatisch von allen Deutschsprechenden verstanden. Die Besiedlung der Nordseeküstenregion durch die Sachsen zur Zeit der Völkerwanderung markiert, vorsichtig formuliert, den Beginn des Niederdeutschen. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte breitet es sich über die heutigen Niederlande, England und ab dem 12. Jahrhundert durch die Ostkolonisation auch in Richtung Osten bis ins Baltikum aus. Die großflächige Ausbreitung und die Einflüsse anderer Sprechergemeinschaften erklärt den Variantenreichtum des Niederdeutschen.

Zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert war Niederdeutsch die Verkehrssprache der Hanse, was sich in zahllosen Dokumenten zeigt. Auch religiöse Texte und Bibelübersetzungen waren in dieser Zeit sehr gefragt.

Das beginnende Ende der Hanse und die Reformation sorgten für den Rückgang des Niederdeutschen zugunsten des Hochdeutschen. Das Niederdeutsche zog sich in den Privat- und Familienbereich zurück. Vor allem die Schriftsprache wurde immer weniger verwendet, besonders im Bildungssystem zu beobachten. Die Kinder erlernten in der Schule Hochdeutsch in Wort und Schrift, sprachen aber zu Hause Niederdeutsch. Innerhalb der Kirche verwendeten immer mehr Gemeinden Hochdeutsch, obwohl die einfachen Leute das Hochdeutsche oft nicht gut verstanden. Niederdeutsch galt als Sprache der ungebildeten Leute und der Frauen, weil die Männer durch ihre Berufstätigkeit meist besser Hochdeutsch sprachen

Nach dem Wiener Kongress 1815 verschärfte sich die Sprachpolitik in Preußen, das durch die Neuordnung große Teile des niederdeutschen Sprachgebietes zugesprochen bekam. Als alleinige Sprache wurde nur noch Hochdeutsch als Amts- und Verkehrssprache genutzt. Die diskriminierende Sprachpolitik hielt bis weit ins 20. Jahrhundert an. Auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung als Folge des Zweiten Weltkrieges führte zu einer Verkleinerung des Sprachgebietes, im Osten heute durch die Grenze zu Polen festgelegt. Im Westen, an der niederländischen Grenze, blieb das Dialektkontinuum erhalten. Inwiefern Niederdeutsch und Niederländisch als zwei ähnliche Varietäten oder eigene Sprachen gesehen werden, darüber gibt es heftige Diskussionen.

Niederdeutsch unterschiedet sich vom Standardhochdeutschen in vielerlei Hinsicht. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen Lautwandelprozesse z.B. die zweite germanische Lautverschiebung, die das Niederdeutsche ebenso wie das Niederländische und Friesische nicht durchgemacht haben. Andere Lautunterschiede zeigen sich u.a. in den Frikativen (Reibelaut) z.B. ‚slapen‘ statt ‚schlafen‘. Auch die Grammatik unterscheidet sich, je nach Dialektvarietät, z.B. die doppelte Verneinung oder die häufige Verwendung des Verbes ‚tun‘.

Das Niederdeutsche verfügt heute über keine einheitliche Schriftsprache, was besonders den Erwerb der Sprache in den schriftlichen Kompetenzen erschwert.

Der Schutz des Niederdeutschen durch die Sprachencharta und das dadurch gestiegene Sprachprestige gewinnt die Sprache an Sprecher*innen. Die technischen Mittel zur Umsetzung im Internet und die wachsende Präsenz in den Medien lassen Niederdeutsch als wertvollen Teil der deutschen Sprachlandschaft wieder zurückgewinnen.

Quellen

Lindow, Wolfgang. Niederdeutsche Grammatik (= Schriften des Instituts für Niederdeutsche Sprache. Reihe Dokumentation 20). Verlag Schuster, Leer 1998

Stellmacher, Dieter. Niederdeutsche Sprache. Weidler, Berlin 2000

Die Wulfila-Bibel

Wenn Sprachen sterben, gehen nicht nur die Sprache selbst, sondern auch Kulturgut verloren. Für das Gotische existieren nur wenige aussagekräftige Dokumente, mit denen sich die Sprache gut rekonstruieren lässt. Eine der wichtigsten Quellen ist die Wulfila-Bibel.

Entstanden ist die Wulfila-Bibel etwa um 350. Wie viele Menschen außer dem Bischof noch an der Übersetzung gearbeitet haben, ist unklar. Geschrieben ist die Bibel in einer eigens für das Gotische entwickelten Schrift, der gotischen Schrift. Bis dato schrieben die Goten mit germanischen Runen, die aber nicht zum christlichen Inhalt des Textes passten. Das Griechische als eine der wichtigsten liturgischen Schriften war das Vorbild, das Wulfila nutzte.

Diese Bibel ist eine Übersetzung aus dem griechischen ins Gotische. Als Übersetzer wird der Namensgeber der Bibel Missionar und Bischof Wulfila (311 – 383 n.Chr.) angenommen, der wahrscheinlich erste Bischof der Terwingen, einem ostgermanischen-gotischen Stamm. Die Goten waren bis zu Wulfilas Zeit keine Christen, erst ab ca. 376 sind sie konvertiert.  

Heute existieren nur noch wenige Abschriften von Teilen der Bibel. Die meisten stammen aus späteren Jahrhunderten. Das bekannteste ist der Codex Argenteus (dt. silbernes Buch), der sich in Schweden befindet und wahrscheinlich eine Abschrift der Bibel für Theodrich den Großen, König der Ostgoten, ist. Der Text wurde mit silberner Tinte geschrieben und reich verziert.

Neben der großen Bedeutung für die Theologie- und Geschichtswissenschaften, ist die Wulfila-Bibel eine unverzichtbare Quelle für die Sprachwissenschaft. Obwohl das Krimgotische auf der Krim noch bis ins 18.Jahrhundert gesprochen wurde (Gotisch und Krimgotisch sind entfernt verwandt), weiß die Wissenschaft nur wenig über die Sprachstufe aus dem Frühmittelalter. Die Bibel ist das längste Schriftdokument, über das die Forscher verfügen.

Die Sprache der Bibel ist keine Alltagssprache, bietet aber trotzdem Einblicke in die Grammatik und Satzstellung des Gotischen. Außerdem kann man Einflüsse anderer Sprachen erkennen, die nicht nur auf historischen, sondern auch religiösen Gründen bestehen. Wulfila hat bei seiner Übersetzung wahrscheinlich nicht darauf geachtet besonders volkssprachlich zu schreiben, schließlich übersetzte er religiöse Texte. Fehlenden Wortschatz ersetzte Wulfila mit Entlehnungen aus dem Lateinischen und Griechischen. Auch der Satzbau erinnert stark an das Griechische, sodass unklar ist welchen Satzbau das Gotische normalerweise verwendete.

Auch die christliche Richtung der Arianer, der Wulfila und die Goten angehörten, spielt in der Übersetzung eine Rolle, d.h. bestimmte Bibelstellen werden inhaltlich anders übersetzt als im griechischen Ausgangstext.

Ende des 17. Jahrhunderts wurde die gotische Bibel sogar als gedrucktes Werk, jedoch eher zu Forschungszwecken, herausgegeben. Weitere Drucke, zur Erleichterung mit lateinischer und griechischer Übersetzung, erschienen in mehreren Ausgaben. Das zeigt wie hoch das Interesse von Theologen und Sprachwissenschaftlern an der ausgestorbenen Sprache war und bis heute ist.

Quellen

Streitberg, Wilhelm Streitberg. Die Gotische Bibel. Der gotische Text und seine griechische Vorlage. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg  2000

Falluomini, Carla. Textkritische Anmerkungen zur Gotischen Bibel. „AnnalSS”. 5, 2005

Thüringen

Das heutige Thüringen ist eins der sechzehn deutschen Bundesländer. Doch weit vor der Gründung Deutschlands findet man Thüringen in alten Quellen als Heimat der Thüringer und als Herrschaftsgebiet verschiedener Adelsgeschlechter. Der Name Thüringen leitet sich von ‚Thuringi‘ ab, die Bezeichnung für den dort seit der Völkerwanderung ansässigen germanischen Volksstamm.

In Zentrum Thüringens liegt das Thüringer Becken, was von Mittelgebirgen wie dem Kyffhäuser und dem Thüringer Wald eingerahmt wird. Durchzogen von vielen Flüssen wie der Saale und der Unstrut eignet sich die Region hervorragend für die Forst- und Landwirtschaft. Wichtige Städte sind u.a. Erfurt, Jena und Weimar.

Die Region wurde schon früh von germanischen Stämmen besiedelt, erste Quellen über die Besiedlung stammen aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. von Römern. Im 6. Jahrhundert unterwarfen die Franken von Westen aus weite Teile des heutigen Thüringens. Unter der Herrschaft der Merowinger bestand bis ins 8. Jahrhundert n.Chr. ein Herzogtum Thüringen, einschließlich der Gründung der Städte Erfurt und Arnstadt. In dieser Zeit wurden die meisten Bewohner der Region zum Christentum bekehrt und in Erfurt gründete sich das Bistum Erfurt.

Die Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich verhinderte eine weitere Ausbreitung und Erstarkung des Herzogtums, die Herrschaftsansprüche verschiedener Adliger führte zu zahlreichen Auseinandersetzungen bis ins 13. Jahrhundert hinein. Die Wettiner gingen als Sieger der Erbfolgestreitigkeiten hervor und vereinten große Teile Thüringens mit ihren Ländereien in Sachsen.  

Im späten Mittelalten blühten die Städte wie Erfurt auf, es entstanden Universitäten und der Handel mit Städte in ganz Europa florierte.

Zur Zeit der Reformation war Thüringen ein kulturelles Zentrum. Martin Luther studierte in Erfurt, lehrte dann in Wittenberg, was damals zum Herrschaftsgebiet des Sächsischen Kürfürsten gehörte und auch große Teile des heutigen Thüringens einschloss. Die Wartburg bei Eisenach, auf der Luther an seiner Bibelübersetzung arbeitete, ist einer der bedeutendsten Orte in Thüringen und markiert einen Wendepunkt in der Kirchengeschichte. Die aus der Reformation resultierende Bauernkriege begannen im thüringischen Mühl- und Frankenhausen. Der 30jährige Krieg verwüstete und entvölkerte ganze Landstriche.

Dem 30jährigen Krieg folgte eine Zeit der Blüte. Die Region entwickelte sich u.a. durch verbesserte Bildung der Bevölkerung zu einem Zentrum des Humanismus. Die Einflüsse der ansässigen Adelsgeschlechter breitete sich nach der wirtschaftlichen Erholung Thüringens zum Beginn des 18.Jahrhunderts in viele europäische Königshäuser aus, u.a. nach England, Belgien und Preußen. Gelehrte und Dichter wie Goethe, Schiller und Hegel wirkten an verschiedenen Orten in Thüringen.

Der Wiener Kongress 1815 und die politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts schufen weitere Kulturzentren und Gelehrte wie Friedrich Fröbel oder Frank Liszt sorgten für wichtige Impulse in ihren Fachgebieten, die weit über die Grenzen Thüringens hinaus wirkten. Die Industrialisierung der Region und ihre Anbindung an das Eisenbahnnetz schufen Arbeitsplätze und ein Bevölkerungswachstum. Daraus ergaben sich soziale Probleme, was u.a. zum Wirken Bebels in Eisenach führte und richtungsweisend für die Politik in der heutigen Bundesrepublik.

Nach dem Ersten Weltkrieg gründetet sich das Land Thüringen als Teil der Weimarer Republik, dessen Eigenständigkeit ab 1933 von den Nationalsozialisten aufgehoben wurde. Auf die Umstrukturierung in der DDR in einzelne Bezirke folgte nach der Wiedervereinigung die Neu-Gründung des Landes Thüringen als Freistaat wie wir es heute kennen.

Das Wappen Thüringens zeigt einen siebenfach geteilten, golden bewehrten und gekrönten rot-weißen Löwen, begleitet von acht silbernen Sternen, auf blauem Grund.

Quellen

John, Jürgen & Jonscher Reinhard & Stelzner, Axel. Geschichte in Daten – Thüringen. Koehler & Amelang, München 1995

Raßloff, Steffen. Geschichte Thüringens. Beck. München 2010

Rovásírás – altungarische Runen

Das heutige Ungarisch wird seit dem frühen Mittelalter in lateinischer Schrift geschrieben, doch vorher verwendeten die Menschen eine eigene Schrift: Rovásírás – dt. Runenschrift.

Ihre Herkunft ist nicht sicher geklärt. Eine Annahme ist, dass die Schrift mit anderen Runen aus dem türkischen Raum verwandt sind oder eine Abwandlung der phönizischen Schrift darstellt. Eine Verwandtschaft mit den Runen aus dem germanischen Kulturkreis wird ausgeschlossen.

Auch eine genau Entstehungszeit ist schwierig zu bestimmen. Wenn man von der Verwandtschaft mit alten türkischen Schriften ausgeht, könnte ein Entstehungszeitraum um 7. Jahrhundert n.Chr. ausgegangen werden. Historisch wurden Kontakte der damaligen Sprechergemeinschaft des Alt- bzw. Protoungarischen mit Turkvölkern belegt, die für diesen Zeitraum sprechen.   

Rovásírás ist eine Alphabetschrift, jedoch wird sie wie Phönizisch oder Hebräisch von rechts nach links geschrieben. Die Ähnlichkeit der meisten Zeichen mit einer türkischen Schrift lässt sich gut nachweisen. Einige Zeichen müssen jedoch entweder neu hinzugekommen oder aus anderen Schriften entlehnt worden sein, denn einzelne Laute des Altungarischen kommen in Turksprachen nicht vor und wurden dementsprechend auch nicht von ihnen verschriftlicht. Vermutungen, dass es Anteile aus dem griechischen Alphabet gibt, liegen nahe.

Insgesamt besitzt das ursprüngliche Alphabet 42 Buchstaben, wobei einige Konsonanten zwei Zeichen besitzen, in Abhängigkeit des benachbarten Vokals. Es gibt keine separaten Buchstaben für Groß- und Kleinschreibung, aber vor allem bei Namen wurde der erste Buchstabe einfach größer geschrieben. Die Schreibung ist meist phonetisch, bildet also die tatsächliche Aussprache ab.

Das heutige Ungarn ist nur ein kleiner Teil des Verbreitungsgebietes der Runen. Inschriften aus unterschiedlichen Jahrhunderten auf Gegenständen wurden rund um die Karpaten, das Gebiet der heutigen Ukraine und noch weiter östlich gefunden. Eine erste Erwähnung der Schrift findet man in der Chronik von Simon von Kéza, die aus dem 13. Jahrhundert stammt.

Während die lateinische Schrift sich ab ca. 1000 n.Chr. als offizielle Schrift genutzt wurde, verwendete man die Rovásírás im Alltag und in der Folklore. Es sind Inschriften bis ins 19. Jahrhundert belegt, durchaus auch religiöse texte wie z.B. das Vater Unser.

Die Forschung hat die Runenschrift erst seit kurzem wieder als Forschungsgegenstand entdeckt. Seit einigen Jahren ist die Runenschrift in Ungarn wieder populärer geworden (ähnlich wie die germanischen Runen) und man sieht sie an öffentlichen Plätzen oder Schildern. Die Schrift verschriftlicht heute das modern Ungarisch, beibehalten wird aber die Schreibrichtung wie früher. Durch Sprachwandelprozesse hat sich das Ungarische stark verändert und so musste bspw. Runen für die typischen Vokallängen in Ungarischen angepasst werden. Kritiker sehen in der Anpassung der Schrift einen Eingriff in die Authentizität.

Quelle

Altheim, Franz. Geschichte der Hunnen. Berlin, de Gruyter

Rockstein, Edward. The Mystery of the Székely Runes. Epigraphic Society Occasional Papers, 1990