Slawische Mythologie – Die geistigen Ursprünge der Slawen

Mythen und Götter sind in allen Kulturkreisen weltweit zu finden. Sie geben den Menschen von jeher die Möglichkeit Erklärungen für die Phänomene des Lebens und der Natur zu finden.

Die Verbindung der Erde mit dem Himmel, der Wechsel der Jahreszeiten, die Entstehung von Leben… alle diese Dinge waren zu Beginn der Menschheit rätselhaft. Die Mythen und Götter boten den Menschen Raum für Erklärungsversuche. Dabei entwickelte sich oftmals ein kompliziertes System von Gottheiten, sowie Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Göttern, ähnlich wie das der Menschen.  

Der Beginn der slawischen Mythologie liegt in tiefster Vergangenheit, lange bevor in den Siedlungsgebieten der Slawen schriftliche Überlieferungen angefertigt wurden. Im 6. Jahrhundert n.Chr. beschrieb der griechische Chronist Prokop von Caesarea die Gottheiten der Slawen.

Mit der Christianisierung der slawischen Völker, etwa ab dem 10. Jahrhundert n.Chr., entstanden immer mehr Schriften über die Mythologie. Deren Wahrheitsgehalt ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: Ihre Verfasser waren meist Missionare, die über die heidnischen Traditionen schrieben und naturgemäß die alten Götter der Slawen ablehnten.

Rückschlüsse auf die frühe Mythologie lassen sich aber noch heute aus den überlieferten Bräuchen und Traditionen ableiten. Dabei muss man natürlich darauf achten, dass die heidnischen und christlichen Anteile sich im Laufe der Zeit gemischt haben. Die mündliche Überlieferung im slawischen Raum ist reichhaltig und unterscheidet sich teilweise in einigen Aspekten, je nach Region.

Aus der archäologischen Forschung weiß man einiges mehr über die Gestalt und die Bedeutung der Mythen. Diese Funde sind wichtige Objekte, vor allem ergeben sie für den gesamten slawischen Raum ein Mosaik, dass sich immer mehr erschließt und Verbindungen zwischen den verschiedenen slawischen Völkern und ihrer Verbindung zu Mythen anderer Kulturkreise schafft.

Die Slawen waren Anhänger des Polytheismus, d.h. sie verehrten mehrere Götter, ähnlich wie die Griechen und Germanen. Das Wort bog – Gott bezieht sich auf alle slawischen Götter, nicht wie heute gebräuchlich auf den einen christlichen Gott. Der Ursprung des Wortes bog liegt in Iranischen und Altindischen und bedeutet etwa „Spender des Guten“. In den westslawischen Sprachen ist dieser Wortstamm in vielen Begriffen wiederzuerkennen z.B. poln. bogaty oder tschech. bohatý – reich.

Die Gottheiten erfüllten, wie in anderen Kulturkreisen, spezielle Funktionen. Das legen vor allem die archäologischen Funde nahe, die Fundstücke mit Bezügen zur Natur, dem Himmel oder der Fruchtbarkeit entdeckten.

Das Grundgerüst der slawischen Götterwelt beruht auf vier Hauptgöttern.

Der Gott des Himmels und des Himmelsfeuers, der als Schöpfer allen Lebens verstanden wird, ist Svarog. Sein Sohn Svarožić (in manchen Quellen Dažbog) ist der Sonnengott und Herrscher über das Erdenfeuer. Perun tritt als Gott des Donners und des Blitzes auf, außerdem ist er ein Kriegsgott. Die Parallelen zum nordischen Gott Thor sind offensichtlich. Der vierte im Bunde ist Veles, der Gott des Viehs und der Fruchtbarkeit.

Diese vier Götter sind in allen slawischen Kulturkreisen vertreten, auch wenn neue bzw. andere Götter hinzukamen. Die Ähnlichkeit dieses göttlichen Gerüstes lässt auch noch Raum für andere Gottheiten, die aber bisher nicht belegt sind. Aber der Vergleich mit anderen Kulturkreisen lässt die Möglichkeit zu.

Zusätzlich waren den Slawen auch ihre lokalen Götter wichtig, die je nach Region, verschiedene Funktionen innehatten. Die Verehrung bestimmter Gottheiten, zeigt die starke Naturverbundenheit der Slawen, die wie alle Völker im Einklang mit der Natur leben mussten, um bestehen zu können. Zahlreiche Natur- und Elementargeister gestalten das Leben der Slawen mit. Die vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser spielen eine ebenso große Rolle wie die Gegensätze Leben und Tod. Alle Bereiche des Lebens sind durchzogen von Ritualen, Traditionen und Kulten.

Im heutigen Deutschland finden sich immer wieder Spuren dieser slawischen Welt. Ein bekanntes Beispiel ist Kap Arkona auf Rügen, das bis ins 12.Jahrhundert ein wichtiger slawischer Kultplatz war. Die Region Rügen ist eine der letzten heidnischen Orte gewesen, daher finden sich hier viele Relikte aus jüngerer Vergangenheit, die Aufschluss über die Welt der Slawen geben.

Durch die Christianisierung der Slawen sind viele alte Kulte untergegangen, manche leben aber in der christlichen Tradition weiter, nur etwas versteckt. Die christlichen Missionare haben versucht die heidnischen und christlichen Übereinstimmungen so zu interpretieren, dass der Übertritt zum Christentum für die Slawen leichter war. Auch die Struktur der slawischen Götterwelt bot Möglichkeiten an die Dreifaltigkeitslehre des Christentums angepasst zu werden.

Nach und nach wurden alle slawischen Völker christianisiert und brachten ihre Vorstellungen der Welt und Götter mit. Sie legten nicht alle Vorstellungen ihrer „alten Religion“ ab, manche integrierten sie. Noch heute gibt es Feste und Rituale, die trotz Zugehörigkeit zum Christentum aus heidnischer Zeit stammen z.B. die Sommersonnenwende, die in allen Kulturen Europas gefeiert wird. Heute ist dieser Tag als Johannistag bekannt, zu Ehren des großen Heiligen Johannes dem Täufer.

Die slawische Mythologie bieten viel Raum für Geschichten, Riten und Kulte. Sie deckt alle Bereiche im Leben der Menschen ab und viele Fragen bleiben, aufgrund der fehlenden Zeugnisse, noch unbeantwortet.

Quellen:

Zdeněk Váňa, Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Urachhaus, Stuttgart 1993

Joachim Herrmann, Welt der Slawen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. Beck, München 1986

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