Seit wann spricht der Mensch?

Weltweit gibt es circa 7000 Sprachen, zumindest von denen wir wissen. Viele Sprachen sind gut erforscht, andere noch gar nicht. Doch eine Frage steht hinter allem: Wo kommt die menschliche Sprache eigentlich her? Und seit wann sprechen wir überhaupt?

Eine Welt ohne Sprache können wir uns heute nicht vorstellen. Unsere Gesellschaften funktionieren nur durch Kommunikation, die dafür sorgt, dass wir unseren Kindern abstrakte Dinge erklären oder auch ein Buch lesen können.

Wenn wir verstehen wollen, wo unsere Sprache herkommt, sind zwei Aspekte klar: Erstens müssen viele Wissenschaftsdisziplinen, z.B. die Biologie, Linguistik oder Anthropologie, ihr Wissen zusammenbringen und zweitens muss allen klar sein, dass es keine verlässlichen Quellen aus so frühen Zeiten zu finden sind. Alle Theorien stützen sich auf Hypothesen, die nur schwer beweisbar sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass alles an den Haaren herbeigezogen ist.  

Die menschliche Sprache ist eine sehr komplexe Sache, die wir uns sicherlich nicht einfach so angeeignet haben, und schon gar nicht eine bestimmte Sprache. Man muss sich zuerst fragen was genau als Sprache definiert werden kann. Gilt eine Lautabfolge ohne direkten Bezug als Sprache?  Sind einzelne Wörter oder erst Sätze eine Sprache?

Fakt ist, dass Menschen bzw. ihre Vorfahren in irgendeiner Weise kommunizieren mussten, um ihr Leben zu organisieren, z.B. durch Gesten. Doch es ist schwierig den genauen Zeitpunkt oder besser Zeitraum festzustellen, an dem die Sprache Teil des menschlichen Lebens wurde. Es wird davon ausgegangen, dass dies mit den ersten bewiesenen Vorkommen des Menschen vor 200.000 Jahren übereinstimmen könnte, denn an den Funden lassen sich Schlüsse über die Anatomie und die funktionale Sprechfähigkeit ziehen. Vor etwa 60.000 Jahren verließen Menschengruppen Afrika und verbreiteten sich über den gesamten Globus.

Da alle Menschen dieselbe Sprachlernfähigkeit aufweisen, muss die Sprache also vor der weltweiten Verbreitung ein Teil der Menschen gewesen sein. Die verschiedenen Gruppen haben dann mit der Zeit verschiedenste Variationen von Sprache in Bezug auf phonologische Regeln, Wortstellung, Lexik usw. entwickelt, die die heutige Sprachvielfalt zeigt.

Man kann sich aber die Frage stellen ob auch andere Spezies wie der Neandertaler über Sprache verfügten, denn auch die lebten in Gemeinschaften zusammen, was eine Kommunikation sicher nötig machte. Auch wenn Menschen und ihre frühen Verwandten wesentlich mehr Hirnmasse als viele Menschenaffen aufweisen und damit mehr Kapazitäten für die Sprechfähigkeit haben, ist nicht klar welche Spezies außer dem Homo sapiens noch sprechen konnte und es auch tat.

In der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass die Fähigkeit zum Sprechen von der Fähigkeit zur Sprache unterschiedlich zu betrachten sind. Anatomisch gesehen eignet sich der Bau des menschlichen Vokaltraktes (Rachen- Nasen- und Mundraum) optimal zum Sprechen, anders als z.B. bei Schimpansen. Dieser Fakt spricht für das Vorhandensein von Sprache bei allen Menschenarten, die diese anatomische Eigenschaft besaßen.

Die Funde von Höhlenmalereien und anderen Kulturtechniken und komplexen Werkzeugen legen Vermutungen nahe, dass Menschen schon seit 200.000 Jahren durch Sprache kommunizieren. All diese Techniken weitergeben zu können, erfordern mehr Kompetenzen als das Lernen am Modell. Jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass vor der Lautsprache nicht auch eine Art Gebärdensprache existiert hat wie sie z.B. Schimpansen in der Lage sind zu lernen.

Unabhängig davon, wie die Menschen zu Beginn der Menschheitsgeschichte kommuniziert haben, ist der Zweck von allen Arten von Sprache das Gelingen der Kommunikation zwischen Individuen. Und die Mengen an gesprochenen und gebärdeten Sprache ist ein großartiger Beweis für den menschlichen Drang zu kommunizieren!

Quellen

Trotzke, Andreas. Sprachevolution – Eine Einführung. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017

Lenneberg, Eric. Biologische Grundlagen der Sprache. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996

Deutsche Sprachinsel in Irland

Die Auswanderung von Deutschen nach Amerika oder Australien ist allen bekannt. Aber viele Deutsche suchten in Europa nach einer neuen Heimat z.B. im Vereinigten Königreich.

Die ersten Jahre des 18. Jahrhunderts waren in Europa durch besonders harte Winter geprägt, was für eine schlechte Ernährungslage der Menschen, besonders in Mittel- und Osteuropa, sorgte. Auch Kriege und die noch wenig ausgeprägte Religionstoleranz in vielen Teilen des deutschsprachigen Gebietes waren Gründe für ganze Familien ihr Glück in der Fremde zu suchen.

Doch nicht alle wagten den großen Schritt über die Ozeane, zumal es sich viele schlechthin nicht leisten konnten. Die Reise innerhalb Europas war eher realisierbar. Die Menschen hörten von der Möglichkeit nach England zu gehen, um dort ein besseres Auskommen zu haben. Die Regierung des Vereinten Königreiches versprach u.a. Land zum Siedeln, religiöse Toleranz und Steuerfreiheit für zehn Jahre. Vor allem die durch Steuern hoch belastete Bevölkerung der Kurpfalz, ein zerstückeltes Gebiet an der Mosel und dem Mittelrhein mit den Städten Heidelberg und Mannheim, fasste den Entschluss einen Versuch zu wagen.

Sie machten sich im Frühling 1709 in großen Gruppen, die Quellen sprechen von mehreren Tausend, auf den Weg über die Niederlande nach England. Diese unerwarteten Menschenmassen mussten von der britischen Regierung nicht nur untergebracht, sondern auch verpflegt werden.

Einige hundert Menschen schickte man sofort zurück, weil sie katholisch waren und laut Gesetz nicht aufgenommen werden durften. Die anderen Neuankömmlinge wurden auf verschiedene Regionen aufgeteilt. Die jeweiligen Provinzverwaltungen versuchten die Kurpfälzer in Lohn und Brot zu bringen, doch die Stimmung unter den Menschen wurde zusehends schlechter.

Nach kurzer Zeit wurden die Menschen entweder nach Amerika weitergeschickt oder sie traten den Weg nach Irland an. Dort wurden sie als Arbeitskräfte dringend gebraucht. Nach der Ankunft in Irland wies die für die Einwanderer zuständige Kommission den Menschen Arbeit u.a. im Bausektor und der Landwirtschaft zu. Das Klima in Irland war milder als die Kurpfälzer es aus der Heimat kannten, die Landwirtschaft war ertragreicher und daher auf Arbeitskräfte angewiesen. Trotzdem verließen viele das Land nach kurzer Zeit wieder. Die verbleibenden gut 300 Familien wurden im Süd-Westen Irland in der Grafschaft Limerick (irisch Luimneach) angesiedelt.

Die ersten Siedlungen entstanden rund um Rathkeale. In der neuen Heimat blieben die Kurpfälzer lange Zeit unter sich, was u.a. mit ihrer Konfession zu tun hatte, denn die Iren war mehrheitlich katholisch. Auch von Seiten der englischen Krone, die den irischen Katholiken skeptisch gegenüberstand, waren die protestantischen Siedler willkommen.

Der Erfolg der Siedlungen in der Grafschaft Limerick sind, anders als in anderen Gegenden Irlands und Englands, auf die anfängliche Unterstützung der Regionalverwaltung zurückzuführen. Der Anbau der Hanf und die Rinderhaltung sicherten den Kurpfälzern ein gutes Auskommen. Von den Familien, die sich dort niederließen, wurden schon wenige Jahre später zahlreiche eingebürgert.

Sie bewahrten ihre deutsche Sprache und Traditionen fast ein Jahrhundert lang. Anders als in den USA oder Australien kamen in den folgenden Jahren keine neuen Siedler aus der alten Heimat nach Irland. Mit der Zeit mischten sich dann die deutsche und irische Bevölkerung, so dass ab etwa 1850 nur noch deutsche Namen an die deutschen Auswanderer erinnern.  

Quellen

Berend, Nina & Knipf-Komlósi, Elisabeth. Sprachinseln-The World of Language Islands. Peter Lang. Frankfurt am Main 2006

Heimrath, Ralf & Kremer, Arndt (Hrsg.): Insularity. Small Worlds in Linguistic and Cultural Perspectives. Königshausen und Neumann, Würzburg 2015

Dezső Kosztolányi

Die europäische Literatur wäre nicht komplett ohne die Einflüsse der Ungarn und ihrer Schriftsteller*innen.  Einer der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts war Dezső Kosztolányi, dessen Einfluss in Ungarn bis heute zu spüren ist.

Kosztolányi wurde am 29. März 1885 in Szabadka geboren. Damals war gehörte das Gebiet zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie, heute ist es eine Stadt in Serbien. Der Vater Kosztolányis war Lehrer für Naturwissenschaften und in der Familie gab es einige Schriftsteller, z.B. seinen Cousin Géza Csáth.

In der Schule hatte der junge Dezső Schwierigkeiten wegen seines Betragens und musste die Schule verlassen. Sein Abitur legte er privat ab. Danach begann er 1903 ein Studium der Literaturwissenschaft in Budapest. Dort lernte er u.a. Mihály Babits und Gyula Juhász kennen, beides bedeutende ungarische Schriftsteller.

1904 ging er an die Universität in Wien, um sich intensiv u.a. mit Hegels Philosophie und deutschsprachiger Literatur zu beschäftigen. Ein Jahr später kehrte er nach Budapest zurück, brach das Studium ab und arbeitet als freier Journalist.

Kosztolányi schrieb für verschiedene Zeitungen, seine allererste Veröffentlichung, ein Gedicht, wurde jedoch schon zu Schulzeiten gedruckt. Als er für seinen Wehrdienst eingezogen wurde, erklärte ihn sein Vorgesetzter nach einem Gespräch für untauglich und entließ ihn aus dem Militärdienst. Danach widmete er sich wieder seiner Arbeit, veröffentlichte 1907 die erste Gedichtsammlung Négy fal között, die bei der Leserschaft gut ankam.

1910 lernte Kosztolányi die Schauspielerin Ilona Harmos kennen und sie heirateten 1913. Ihr Sohn Adam wurde im Frühjahr 1915 geboren. Wegen des Krieges musste Kosztolányi nochmals zur Musterung, wurde aber wieder ausgemustert.

In den folgenden Jahren veröffentlichte er zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte. Außerdem übersetzte er viele Werke aus dem Englischen z.B. Alice im Wunderland und Romeo und Julia ins Ungarische.

Dezső Kosztolányi starb am 3. November 1936 in Budapest aufgrund einer Krebserkrankung.

Viele seiner Werke sind mittlerweile ins Deutsche übersetzt z.B. Der kleptomanische Übersetzer und andere Geschichten, Lerche, Die Abenteuer des Kornél Esti oder Anna Édes. Kosztolányi Schreibstil ist elegant, seine Texte sind reich an Humor und genauen Charakterbeobachtungen. Auch die Sprache und die Stilmittel in seinen Texten zeugen von Kosztolányis Scharfsinn und Können.

Quellen
Relle, Agnes. Bestiarium Hungariae : hier und dort – ungarische Identitäten. Ed. die Horen im Wirtschaftsverl. NW. Bremerhaven,1999


Keresztury, Dezsö. Die neueste ungarische Literatur: 1914-1933 / Von Dezsö von Keresztury. de Gruyter. Berlin 1933

Die Prignitz

Im Nordwesten Brandenburgs liegt die Prignitz, eine Region mit bewegter Geschichte. Heute gehören einige kleinere Teile der historischen Prignitz zu Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufgrund einer Neuaufteilung Anfang der 90er Jahre.

Die Prignitz ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Die größten und wichtigsten Städte sind Wittenberge, Wittstock/Dosse, Pritzwalk, Perleberg, und Kyritz, die alle auf slawische Besiedlungen zurückgehen, wie einige Namen noch erkennen lassen. Die Region war früher fast vollständig bewaldet, die heutigen Kulturlandschaften schafften die Menschen im Zuge von Land- und Forstwirtschaft. Die Elbe stellte den Lebensarm dar, ebenso wie kleinere Flüsse wie die Havel oder die Dosse und viele Seen, deren Entstehung auf eiszeitlichen Veränderungen zurückgehen.

Der Name ‚Prignitz‘ stammt vom Altpolabischen ‚pregynica‘ und kann mit ‚unwegsamer Wald‘ übersetzt werden. Das Gebiet war schon zur Mittelsteinzeit besiedelt, aber es finden sich auch viele Spuren aus jüngeren Zeiten. Römische Geschichtsschreiber berichteten über germanische Stämme wie den Sueben, die während der Völkerwanderung die Region in Richtung Süden verließen. In deren Gebiet wanderten ab dem 6/7. Jahrhundert slawische Stämme wie die Lutizen oder Heveller ein.

Urkundlich wird die Prignitz erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnt, als Teil der Mark Brandenburg und des Bistums Havelberg. Als Teil der Mark war die Prignitz Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen, in die ländlichen Gebiete fielen im Spätmittelalter immer wieder Raubritter ein. Die Städte waren zu schwach, um sich aktiv zu Wehr setzen zu können, obwohl sie teilweise Hansestädte mit einer besseren wirtschaftlichen Stellung waren.

Erst ab dem 16. Jahrhundert kehrte mit der Herrschaft von Friedrich II., genannt Eisenzahn, etwas Ruhe ein. Der 30jährige Krieg verwüstete die ohnehin schwache Region, von der sie sich kaum erholte. Als Teil Preußens war die Prignitz eingebunden in den strengen Verwaltungsapparat.

Heute zählt die Region zu den schwächsten Deutschlands, betroffen von starker Abwanderung. Es gibt nur wenig Industrie, dafür viel Landwirtschaft, kleine Unternehmen und Handwerk. Touristisch ist die Region noch nicht voll erschlossen, bietet aber viele Möglichkeiten für Sport- und Wandertouristen. Die kleinen Städte bieten viele kulturelle Highlights fern ab vom Großstadtrummel. Auch die über 30 Naturschutzgebiete der Region halten spannende Naturerlebnisse bereit.

Das in der Region von den slawischen Stämmen gesprochene Polabisch, oft auch als Elbslawisch bezeichnet, ist wahrscheinlich schon vor dem 17. Jahrhunderts ausgestorben. Die dortigen Siedler aus den Niederlanden und Norddeutschland brachten das Plattdeutsche mit, was zur Verdrängung des Polabischen führte. Heute hört man in der Prignitz aber auch nur noch selten Plattdeutsch, obwohl es einen besonderen Schutzstatus hat.

Das Wappen der Prignitz ist zweigeteilt. Der obere Teil zeigt eine silberne Gans mit acht Perlen auf rotem Grund, der untere Teil bildet einen schwarzen Wolf auf silbernen Grund ab. Die gewellte Linie symbolisiert die Elbe.

Quellen

Enders, Lieselott. Die Prignitz. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2000

Geschichte des Landkreises Prignitz – kurzer siedlungs-, kunst- und kulturgeschichtlicher Überblick

Die Expolingua 2024

Letztes Jahr war ich als Teilnehmerin auf der Expolingua, einer Messe rund um das Thema Sprachen und Sprachenlernen. Für dieses Jahr stand ein größeres Projekt an: Das Institut für Slawistik & Hungarologie der Humboldt-Universität war als Aussteller mit dabei, mit mir als Organisatorin.

Das Wichtigste vorab: Ich habe den organisatorischen Aufwand völlig unterschätzt, aber es hat sich gelohnt! Die zahlreichen E-Mails, der Kostenantrag, die Kostenbewilligung und die Überzeugungsarbeit, die im Vorfeld geleistet wurde, musste ich neben dem Studium und der Arbeit irgendwie unterbringen. Und je näher die Messe rückte, desto mehr Energie steckte ich in die Materialbeschaffung und die Organisation der Standteams.

Die Expolingua vereint mehrere Bereiche und spricht ganz unterschiedliche Zielgruppen an. Für uns als Institut für Slawistik & Hungarologie waren besonders Studien- und Sprachinteressierte als Zielgruppe relevant. Mein Ziel war es die Sichtbarkeit der Sprachen Mittel- und Osteuropas sichtbar zu machen, denn sie kommen auf solchen Messen oft zu kurz.

Die Messe findet immer freitags und samstags statt. Das bedeutet, dass beide Tage sehr unterschiedliche Leute auf der Messe sind, freitags viele Schulklassen und samstags eher Einzelpersonen. Dementsprechend haben wir uns vorbereitet. Wir haben Material über das Studium bei uns, verschiedene Sprachen und einige Give-aways eingepackt, dazu noch Plakate zur besseren Wiedererkennung des Standes.

Freitag früh musste das Material rechtzeitig auf der Messe sein. Wir haben den Stand zusammenaufgebaut und kurz vor zehn strömten die ersten Schulklassen über die Messe. Die ersten zwei Stunden kamen wir kaum zu Atem, weil die Menge der Besucher riesig war. Am Nachmittag hielt unser Professor Roland Meyer einen Vortrag zum Thema ‚Interkomprehension- Eine slawische Sprache sprechen, alle verstehen‘, der sehr gut angenommen wurde.

Der Samstag startete ruhiger, die meisten Leute kamen erst gegen 11.30 Uhr, schlenderten ganz gemütlich und blieben hier und da stehen. Viele ließen sich gerne von uns über das Studium und unsere Sprachenvielfalt informieren, einige Ehemalige kamen sogar vorbei und erzählen von alten Zeiten am Institut.

Als Austeller hat man weniger Zeit sich andere Stände anzuschauen, aber eine kleine Runde und ein Plausch hier und da mussten sein. Wir konnten uns am Stand immer abwechseln, so dass jeder sich umschauen oder sich einen der vielen Vorträge anhören konnte.

Meine persönlichen Highlights waren die Gespräche am Stand der Stiftung des sorbischen Volkes und der Vortrag von Maksimilian Hasacki vom Projekt ‚Zorja‘. Das Projekt beschäftigt sich mit der Revitalisierung des Niedersorbischen und ist ein absolutes Novum in Deutschland.

Eine Messe ist auch immer Networking, so ich konnte viele Leute endlich persönlich kennenlernen, die ich nur digital kennen. Für die nächsten Monate stehen also schon ein paar spannende Projekte und Zusammenarbeiten an! Aber mehr wird noch nicht verraten …

Ist der Begriff ‚Muttersprache‘ noch zeitgemäß?

Jedes Jahr am 21. Februar feiern wir den UNESCO-Tag der Muttersprache. Aber was genau bedeutet der Begriff ‚Muttersprache‘ eigentlich und warum wird er in der Sprachwissenschaft so kritisch gesehen?

Den Ursprung des Wortes kann man heute nicht mehr klar nachweisen, eine Lehnübersetzung vom lateinischen ‚lingua materna‘ wäre eine Möglichkeit. Aber das Wort ‚Muttersprache‘ lässt sich nicht in alle Sprachen übersetzen. Einige Sprachen nutzen den Begriff ‚Vatersprache‘ wie z.B. das Polnische (język ojczysty) oder zwei Varianten wie z.B. Latein (sermo patrius oder lingua matera).

Das Konzept scheint also etwas mit den nächsten Verwandten, meist die Eltern, zu tun zu haben. Dabei ist in vielen Kulturen die Mutter, zumindest in den ersten Jahren, die engste Bezugsperson eines Kindes. Doch auch andere Personen wie die Tanten, Großeltern usw. umsorgen in vielen Kulturen ein Kind und sorgen für sprachlichen Input, der nicht immer einsprachig ist. Außerdem gibt es weltweit viele Familienkonzepte, die den Begriff ‚Muttersprache‘ nicht rechtfertigen.

In der Wissenschaft hat sich mittlerweile der neutrale Begriff ‚Erstsprache‘ oder ‚L1-Sprache‘ durchgesetzt, der keine direkte Zuordnung zur Mutter aufweist, sondern die zuerst erlernte Sprache beschreibt. Es ist natürlich möglich, dass ein Kind mehrere Erstsprachen erwirbt z.B. in einer bilingualen Familie und beide Sprachen gleichberechtigt gesprochen und verstanden werden. Studien zeigen, dass monolingual aufwachsende Kinder weltweit eher die Ausnahmen sind.

Umgangssprachlich ist Mutter- oder Vatersprache weit verbreitet und wird im allgemeinen Kontext mit der Bedeutung ‚Erstsprache‘ genutzt. Auch in anderen Konstruktionen wie ‚eine Sprache auf muttersprachlichem Niveau beherrschen‘ finden wir diesen Begriff im Alltag.

Nun kann man sich fragen, wer sich an der Bezeichnung ‚Muttersprache‘ wirklich stört. Im Alltag wahrscheinlich die wenigsten. Aber in der Sprachwissenschaft, besonders der Spracherwerbsforschung ist man übereingekommen die Sprachen nach dem Prinzip Erstsprache-Zweitsprache-Fremdsprache zu klassifizieren, um ein neutrales Konzept zu schaffen.

Viele sehen in dem Begriff ‚Muttersprache‘ eine veraltete Zuordnung klassischer Rollenbilder: Die Mutter kümmert sich um das Kind und das Kind erwirbt dann die Sprache der Mutter. Auch wenn uns diese Zuordnung natürlich erscheint und in vielen Fällen auch stimmt, beschreibt es nicht die weltweite Norm.

Außerdem überwiegt oft noch die Auffassung, Kinder sollten erstmal eine Sprache richtig lernen, um dann weitere Sprachen zu erwerben. Dass aber Kinder so flexibel sind und schon als Babys verschiedene Sprachen unterscheiden und den Bezugspersonen zuordnen können, z.B. anhand der Sprachmelodie oder bestimmten Lautfolgen, zeigt ihre kognitive Fähigkeit sich nicht nur auf die Sprache der Mutter oder einer anderen Person zu beschränken. In diesen Fällen ist die Muttersprache vielleicht gar nicht die Erstsprache, sondern eine der anderen Familiensprachen. Hier greift die Bezeichnung Erstsprache also viel besser, denn sie beschreibt neutraler in welcher Sprache sich ein Kind bewegt.

Ein anderer Punkt, der oft im politischen Kontext eine Rolle spielt, ist die Zuordnung durch Sprache. Spricht ein Mensch zwei Erstsprachen und wird nach seiner Muttersprache gefragt, was wird er wohl antworten? Gibt er die Sprache seiner Mutter an, wenn er überhaupt spricht? Oder ist es dann die Sprache, von der er glaubt, sie an besten zu beherrschen. Historisch war es oft vorteilhaft, die Mehrheitssprache als ‚Muttersprache‘ anzugeben, auch wenn es nicht die wirkliche Erstsprache war. Zumal meist nur eine Antwort zugelassen war und alle anderen Sprachen einer Person nicht erfasst wurden. Das erschuf eine statistische Einsprachigkeit der Menschen, die nicht die Realität abbildete.  

Welchen Begriff man heute verwenden möchte, steht natürlich jedem frei und in der Umgangssprache ist Mutter- oder Vatersprache an weitesten verbreitet. Doch wenn der Begriff z.B. auf ein spezifisches Familienmodell nicht passt, sollten auch andere Begriffe wie Familiensprache, Erstsprache oder Herkunftssprache verwendet werden können, die die Situation vielleicht besser beschreiben.

Quellen

Jung, Britta & Günther, Herbert. Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim/ Basel 2004

Kauschke, Christina. Kindlicher Spracherwerb im Deutschen: Verläufe, Forschungsmethoden, Erklärungsansätze. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012

Die Sprachenpolitik in Frankreich

In Frankreich ist die die französische Sprache verfassungsrechtlich geschützt. Das zeigt sehr deutlich welchen Stellenwert sie im Land hat und lässt erahnen, dass andere Sprachen einen niedrigeren Stellenwert haben.

Seit dem 16. Jahrhundert ist Französisch die Amtssprache des Landes, auch wenn nicht alle Menschen Französisch sprechen. Schon ein Jahrhundert später wurde die Académie française gegründet, um über die Einhaltung der Sprachnormen zu wachen. Die einzige Schulsprache ist Französisch, bis ins 21. Jahrhundert hinein.

Doch es regte sich Widerstand gegen diese Art von Bevormundung. Die Menschen, deren Muttersprache nicht Französisch ist, forderten das Recht Unterricht in ihrer Sprache zu erhalten, Medien zu konsumieren usw.

Die sprachliche Vielfalt in Frankreich ist genauso groß wie in anderen Ländern, egal ob andere Sprachen oder Dialekte. Doch die Dominanz des Französischen ist bis heute ein Zeichen für die fehlende Wertschätzung des Staates gegenüber seinen Bürger*innen mit einer anderen Muttersprache. Seit 2008 sind die Regionalsprachen als ‚kulturelles Erbe‘ des Landes anerkannt. Aber was bringt eine Anerkennung, wenn nichts für die Pflege und den Spracherhalt getan wird?

Frankreich hat 1999 die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen unterschrieben, aber bis heute nicht ratifiziert. Ein Grund ist das Argument, dass die Charta gegen einige Punkte der französischen Verfassung verstoße und somit nicht ratifiziert werden könne. Die Frage, warum sie dann überhaupt unterschrieben wurden, stellt sich umgehend…

Fakt ist, dass sich Frankreich durch sein politisches System schon immer schwer getan hat Entscheidungsgewalt z.B. für Kultur und Bildung an seine Verwaltungsregionen abzugeben, anders als in Deutschland.

Das sprachliche Erbe des Landes lässt sich jedoch nicht leugnen. In der langen Geschichte finden sich viele Sprachen wieder, die bis heute gesprochen werden. Und dabei gehen wir vorerst nur von den Sprachen in Frankreich aus, die Sprachen der Überseegebiete sind noch zahlreicher.

Neben den bekannteren Sprachen Bretonisch und Baskisch gibt es viele weitere wie Korsisch, Ligurisch, Wallonisch, Katalanisch, Okzitanisch, Romani oder Jiddisch. Dazu kommen viele Dialekte und Sprachen der Nachbarstaaten wie Deutsch oder Flämisch sowie die Langue des signes française (Französische Gebärdensprache).

Frankreich gesteht keiner dieser Sprachen einen Schutzstatus zu, obwohl viele akut gefährdet sind. Auch in den Schulen werden eher die klassischen Fremdsprachen als die regionalen Sprachen angeboten. Bei Volkszählungen fehlt die Möglichkeit eine andere Sprache als Muttersprache einzutragen.

Viele Minderheiten wehren sich gegen die französische Sprachpolitik, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte eingeschränkt sehen, und kämpfen seit Jahrzehnten um Anerkennung. Einzelne Siege konnten seitdem errungen werden. Die Bretonen sind das bekannteste Beispiel. Sie haben erreicht, dass Bretonisch wieder unterrichtet wird, jedoch werden Schulen mit bilingualem Angebot (sogenannte Diwan-Schulen) besonders stark kontrolliert. Die Erhöhung der Bretonisch-Sprecherzahl zeigt aber, dass das Konzept funktioniert. Das Prestige des Bretonischen hat sich merklich verbessert.

Auch andere Minderheiten bemühen sich um solche Erfolge. Korsisch oder Baskisch wird regional vermehrt unterrichtet, wenn auch nur als Fremdsprachenunterricht, doch Wertschätzung von staatlicher Seite fehlt.

Die Vielfalt der ‚alten‘ Sprachen in Frankreich wird durch die Ignoranz des Staates in den nächsten Jahren abnehmen. Das Ziel der Charta, Sprachen als Kulturerbe zu schützen und zu fördern, kann ohne Ratifizierung und wirksamer Maßnahmen von Seiten Frankreichs nicht erreicht werden.

Quellen

Braselmann, Petra. Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Frankreich heute. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 2013

https://www.coe.int/de/web/european-charter-regional-or-minority-languages

Die Brüder Lech, Čech und Rus

Legenden und Erzählungen über die Entstehung von Ländern gibt es viele. Sie werden oft nur mündlich erzählt und verändern sich im Laufe der Zeit. In Polen wurde Ende des 13. Jahrhunderts eine Chronik der polnischen Geschichte verfasst, die darüber berichtet wie die Polen, Böhmen und das Reich der Rus entstanden sind. Die Version aus Tschechien weicht etwas ab, doch der Kern bleibt derselbe.

Die bekannteste ist die polnische Version der Großpolnischen Chronik von 1295, doch auch die Tschechien haben ihre Version in der Dalimil-Chronik und den Erzählungen von Alois Jirásek, wenn auch später, geprägt.

Zu Beginn der Geschichte, laut Chronik im 7. Jahrhundert, leben die drei Brüder Lech, Čech und Rus als Oberhäupter ihrer slawischen Stämme, wahrscheinlich im Gebiet zwischen Weichsel und Dnjepr.  Die Stämme wurden immer größer und das angestammte Land reichte nicht mehr aus, um alle Menschen zu ernähren. Also beschlossen die Brüder sich auf die Suche nach einer neuen Heimat zu machen.

Nach einem gemeinsamen Start trennte sich Rus von seinen Brüdern, um mit seinem Stamm in Richtung Osten zu ziehen, wo später das Reich der Kiewer Rus entstand. Lech und Čech zogen mit ihren Stämmen weiter in Richtung Westen und trennten sich etwa dort, wo heute die polnische Stadt Krakau liegt. Lech wandte sich nach Norden, Čech nach Süden.

Laut der Chronik gelangte Čech zum Berg Říp, dt. Georgsberg. Er betrachtete das Land ringsherum, erblickte fruchtbare Weiten und Wälder und entschied sich zu bleiben. Der Berg Říp gilt den Tschechen bis heute als heiliger Berg.

Der dritte Bruder Lech kam mit seinem Stamm in die Gegend um das heutige Gniezno, dt. Gnesen. Die Menschen waren erschöpft von der wochenlangen Wanderung und Lech beriet sich mit seinen Beratern, um darüber abzustimmen zu bleiben oder weiterzuziehen. Sie entschieden sich fürs Bleiben und begannen mit dem Bau einer Burg. Die Siedlung erhielt den Namen Gniezno (poln. gniazdo -dt. Nest), denn während der Arbeiten an der Burg erschien ein weißer Adler, was von den Menschen als gutes Omen empfunden wurde. Noch heute ist der Adler das Wappentier der Polen und der Stadt Gniezno.

Die Version der Tschechen aus der Dalimil-Chronik von 1314 erwähnt nur die Brüder Lech und Čech, die aus den Osten Europas einwanderten. Hier wird die enge Bindung der beiden Brüder sehr hervorgehoben, was sich geschichtlich in engen Verbindungen der Polen und Tschechien zeigt.

Die Geschichts- und Sprachwissenschaft kann die enge Verwandtschaft der slawischen Völker bestätigen, auch wenn es zahlreiche andere Einflüsse zu individuellen Entwicklungen beigetragen haben. Besonders die Namen der drei Brüder als Namensgeber werden von der Forschung nur bedingt als bewiesen anerkannt.

Der historische Kern der Legend dürfte wahr sein, denn viele Stämme und Völker waren in dieser Zeit auf Wanderschaft, nicht nur die Slawen. 

Historisch kann die Existenz des dritten Bruders Rus angezweifelt werden, denn die Rus stammen laut neuster Forschung aus dem Norden Skandinaviens. Vielleicht könnte man die frühe Trennung von Rus in der Chronik als Hinweis sehen, dass seine Existenz dazu gedichtet wurde. Denn auch Chroniken sind nicht fehlerfrei bzw. ihre Verfasser nicht neutral und selten selber dabei gewesen. 

Trotzdem ist die Legende eine identitätsstiftende und über Generationen überlieferte Geschichte, die vielen Slawen wahrhaftig erscheint. Ein gemeinsamer Ursprung prägt das Gemeinschaftsgefühl über viele Jahrhunderte bis heute.

Quellen

Małkowska, Katarzyna. Lech, Czech i Rus. Astra, Krakau 2004

„Kronika wielkopolska”, UNIVERSITAS Poznań 2010

Bündnerromanisch

Die meisten Länder haben nur eine, höchstens zwei Amtssprachen. Anders in der Schweiz, wo es vier Amtssprachen gibt: Deutsch, Französisch, Italienisch und Bündnerromanisch.

Die kleinste der vier Sprachen, Bündnerromanisch, gehört zur Familie der romanischen Sprachen und ist mit knapp 60 Tausend Sprecher*innen eine gefährdete Sprache. Sie wird im v.a. im Kanton Graubünden, im Osten des Landes, gesprochen.

Es existieren heute fünf unterschiedliche Varietäten: Surselvisch, Sutselvisch, Surmeirisch, Puter und Vallader. Die Standardschriftsprache für den offiziellen Schriftverkehr, seit 2001, nennt man Rumantsch Grischun.

Die verbreitete Bezeichnung ‚rätoromanisch‘ ist eigentlich nicht korrekt, denn die in Graubünden gesprochene Sprache heißt genauer gesagt Bündnerromanisch. Spricht man von rätoromanischen Sprachen, sind auch Ladinisch (in Südtirol) und Friaulisch (gesprochen im Nordosten Italiens an der Grenze zu Slowenien) gemeint.

Die Verbreitung des Bündnerromanisch beschränkt sich heute auf Graubünden. Die Unterwerfung der in diesem Gebiet siedelnde Stämme durch die Römer verdrängte die angestammte Sprache und es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Romanisierung. Heute findet man noch vereinzelte Wörter, deren Ursprung nicht im Lateinischen liegt und daher aus der vorrömischer Zeit stammen könnten.

Ab dem 8. Jahrhundert drängte das Deutsche nach Graubünden, es entstand eine Spaltung der Sprachen nach gesellschaftlicher Stellung. Das Bündnerromanisch wurde zumeist von einfachen Leuten gesprochen und daher von vielen nicht wertgeschätzt. 

Es ist hinsichtlich dieses Prestigeverlustes kaum verwunderlich, dass die ersten schriftlichen Quellen, meist übersetzte Predigten, erst ab dem 16. Jahrhundert angefertigt wurden bzw. erhalten sind. Die Wirren der Reformation haben zur Standardisierung des Bündnerromanischen geführt, obwohl die Sprechergruppe kaum politische Macht besaß. Wichtige Dokumente oder Werke wurden in deutscher Sprache verfasst und nur selten übersetzt.

Die Zugehörigkeit zu den italischen Sprachen wurde von den italienischen Faschisten als Vorwand genutzt diese Gebiete Italien zuzusprechen, wogegen sich die Menschen in Graubünden wie auch dem Kanton Tessin erfolgreich wehrten. Um diese Einheit mit den anderen Schweizer Kantonen zu unterstreichen, erfolgte 1938 die Anerkennung des Bündnerromanisch als vierte Amtssprache der Schweiz.

In den letzten Jahrzehnten nahm die Anzahl der Sprecher*innen immer weiter ab. Seit der Einführung des Rumantsch Grischun als Schriftsprache, auch in den Schulen, gibt es viele Diskussionen, ob die Varietäten dadurch weiter abbauen. Der Dachverband Lia Rumantscha vereint die verschiedenen Institutionen, die sich mit der Pflege von Kultur und Sprache beschäftigen.

Quelle

Liver, Ricarda. Rätoromanisch – Eine Einführung in das Bündnerromanische. Gunter Narr, Tübingen 1999

Romanisch – Facts & Figures (Memento vom 10. Oktober 2006 im Internet Archive)

Jan Kochanowski

Wer sich mit polnischer Literatur beschäftigt, kennt vor allem die Klagelieder von einem der bekanntesten polnischen Dichter: Jan Kochanowski.

Geboren 1530 in Sycyna Północna, in der Nähe von Radom, entstammte Jan Kochanowski einer angesehenen Familie. Er wuchs mit vielen Geschwistern auf und erhielt schon früh eine intensive Bildung. Er wurde teilweise zu Hause unterrichtet, nicht unüblich bei vermögenden Eltern.

Kochanowski studierte zunächst in Krakau, doch der Tod seines Vaters im Frühjahr 1547, zwang ihn zurück und er übernahm den geerbten Gutshof. Nach einem Rechtstreit, wahrscheinlich wegen des Erbes, konnte er ab 1550 nach Königsberg und ab 1552 nach Padua reisen und weiterstudieren, wo er auch erste literarische Werke verfasste.

Wahrscheinlich kehrte er 1555 nach Polen zurück, um ein knappes Jahr später erneut nach Italien zu reisen, diesmal allerdings seiner Gesundheit wegen. Dort erfuhr er vom Tod seiner Mutter und musste sich mit seinen Geschwistern einigen wie das Vermögen, bestehend aus Grundbesitz und verschiedenen Gebäuden, aufzuteilen war.

Er selbst schien kaum Interessen an dem Hof und der Arbeit dort zu haben, sondern verpachtete ihn. Kochanowski arbeitete die nächsten Jahre als Sekretär von Piotr Myszkowski, dem Bischof von Płock und Krakau.

Seine Karriere beendete er 1574, ließ sich auf dem väterlichen Hof nieder und heiratete Dorota Podlodowska. Mit ihr hatte er insgesamt sieben Kinder, wobei schon drei früh starben. Der Tod seiner Tochter Urszula traf ihn dabei besonders hart und er widmete ihr seine berühmt gewordenen ‚Treny‘ (dt. Trauerlieder). Neben seiner schriftstellerischen Arbeit war Kochanowski auch politisch für den Sejm tätig.

Das Leben auf dem Hof und die Erziehung seiner Kinder wurde für Kochanowski immer wichtiger. Er kaufte verschiedene Grundstücke und Dörfer dazu, vermutlich als Absicherung. Er schrieb in den Jahren nach seiner Hochzeit und Niederlassung viele religiöse Werke, verfasste Übersetzungen und viele Gedichte.

Jan Kochanowski starb auf einer Reise in Lublin, wo er einer Versammlung besuchte, wahrscheinlich an den Folgen eines Schlaganfalles. Seine letzte Ruhe fand er in der Nähe seines Hofes in Czarnolas.

Kochanowski schrieb in Latein und Polnisch, was für die damalige Zeit eher ungewöhnlich war, denn die Sprache von Literatur und Wissenschaft war Latein.

Die berühmten ‚Treny‘ sind nach traditioneller Art geschrieben, in drei Stufen (Beweinen, Lob und Trost) und bilden einen Zyklus von 19 Liedern. Besonders die Lieder, in denen Kochanowski um seine Tochter weint, zeichnen das innere Bild des Vaters. Für heutige Leser völlig verständlich, síst die Trauer um ein Kind, vor allem um eine Tochter, in der damaligen Zeit eher Privatsache. Die Tatsache, dass Kochanowski ihren Tod so zentriert darstellt, wirkt seltsam. Den Tod der anderen Kinder erwähnt er zwar, aber Urszulas Tod ist das Hauptthema.

Die Werke Jan Kochanowskis gehören heute zur Pflichtlektüre in polnischen Schulen. Seine Art zu schreiben, besonders über private Dinge, erlaubt einen Zugang zu seinen Gefühlen und Gedanken, was uns von vielen andere Autoren verwehrt wird.

Quellen

Pelc, Janusz. Jan Kochanowski. Szczyt renesansu w literaturze polskiej, Warszawa 2001.

Walecki, Waclaw Walecki. Polnische Literatur. Annäherungen: Eine Literaturgeschichte von den Anfängen bis heute, Igel Verlag 1999