
Kaum ein anderes Land in Europa hat eine so wechselhafte Geschichte hinter sich wie Ungarn. Obwohl die Bevölkerung aktuell mit mehr als 90% Magyaren relativ homogen erscheint, leben in Ungarn zahlreiche andere Gruppen, die ihre Sprachen bis heute pflegen. Das Recht darauf sichert Ungarn durch nationale und internationale Gesetze.
Die Mehrheit der in Ungarn lebenden Menschen spricht Ungarisch, das die einzige Amtssprache ist. Neben Ungarisch sprechen viele Menschen Minderheitensprachen wie Deutsch oder Slowakisch, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von bis zu 40% der ungarischen Bevölkerung sprachen.
Historische Ereignisse wie die Weltkriege die daraus resultierende Verkleinerung der Fläche Ungarns und die politischen Entwicklungen haben die Verbreitung von kleineren Sprachen eingeschränkt. Ein Aspekt war z.B. die Ermordung von jüdischen Menschen , ebenso wie Sinti und Roma zur Zeit der Nazizeit und die Ausweisung nach Deutschland oder Deportation vieler deutschstämmiger Menschen nach 1945.
Nach dem Krieg 1945 gab es in Ungarn Bestrebungen u.a. den Gebrauch der eigenen Sprache für alle in Ungarn lebenden Menschen im Gesetz festzuschreiben, sowie den Gebrauch als Verwaltungssprache zuzulassen, wenn sie von mindestens ein Fünftel der Menschen in einer Region gesprochen wird. Das sind ähnliche Vorschläge wie sie z.B. in Polen umgesetzt werden sollen. Leider wurde der Gesetzesentwurf nicht angenommen, sodass Minderheiten keinerlei Rechte zugestanden wurden.
Heute werden die Zahlen der Minderheiten auf ca. 10 % der ungarischen Bevölkerung geschätzt, darunter sind die größten Gruppen Roma, Deutsche und Slowaken. Kleinere Gruppen sind Kroaten, Griechen, Russinen und Armenier.
Ungarn entwickelte sich nach dem Ende der Sowjetunion stark in Richtung Europa und unterschrieb 1992 die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen, die 1998 in Kraft trat. Dabei verpflichtete Ungarn sich seine angestammten Minderheiten und ihre Sprache zu schützen und zu fördern. Insgesamt betrifft das Armenisch, Romanes, Bulgarisch, Deutsch, Griechisch, Kroatisch, Polnisch, Rumänisch, Russinisch, Serbisch, Slowakisch, Slowenisch und Ukrainisch. Allerdings sind die Ziele Ungarns in der Charta nur sehr allgemein gehalten und daher nicht verbindlich.
Die Minderheiten müssen sich für die Umsetzung ihrer Rechte aktiv einsetzten, was bei der momentanen politischen Stimmung im Land ein Kampf gegen Windmühlen ist. Sie spüren die Zurückhaltung der Politik und das mangelnde Prestige ihrer Sprachen im Land.
In einigen Teilen Ungarn gibt es kleinere Selbstverwaltungseinheiten, in denen Angehörige der Minderheiten Aufgaben wie die Organisation von Kulturveranstaltungen, Beratungsangebote aller Art oder Sprachvermittlung übernehmen. Damit haben die anerkannten nationalen Minderheiten für sich gute Voraussetzungen geschaffen, um ihre Sprache und Traditionen zu pflegen, solange die Regierung ihre Rechte nicht beschneidet wie sie es z.B. mit „neuen“ Minderheiten zur Zeit handhabt.
Quellen
Göllner, Ralf Thomas. Ungarns Minderheitenpolitik. Minderheiten in Ungarn, Magyaren in den Nachbarstaaten. In: Herbert Küpper / Zsolt K. Lengyel / Hermann Scheuringer (Hrsg.): Ungarn und seine Nachbarn 1989–2014. Eine Bilanz. Regensburg 2015,
Kipke, Rüdiger. Das politische System Ungarns. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005
Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen: https://www.coe.int/en/web/conventions/full-list?module=treaty-detail&treatynum=148
