Warum sterben Sprachen aus?

Heute gehen wir davon aus, dass weltweit circa 7000 Sprachen existieren. Es ist jedoch eine traurige Tatsache, dass viele Sprachen vom Aussterben bedroht sind. Doch warum sterben Sprachen aus? Sprachsterben ist ein schleichender Prozess, manchmal stirbt eine Sprache aber auch innerhalb weniger Jahrzehnte aus. Aber warum?

Wie viele Sprachen es insgesamt mal gegeben hat, lässt sich kaum sagen. Auf jeden Fall viel mehr als heute, doch ohne Belege ist die Zahl rein hypothetisch. Wir finden heute noch Regionen wie in z.B. Papua-Neuguinea, in denen hunderte Sprachen nebeneinander existieren, ganz anders als bspw. in Europa.

Mit der Eroberung aller Kontinente durch den Menschen haben sich unzählige Sprachgemeinschaften gebildet, die sich über lange Zeit sprachlich unabhängig voneinander entwickelt haben. Natürlich gab es zwischen den meisten Gruppen Kontakt, was sich an Entlehnungen in den Sprachen nachweisen lässt. Doch viele Gemeinschaften z.B. auf Inseln waren lange Zeit isoliert und besitzen sprachliche Besonderheiten bzw. Einzigartigkeiten.

In der Geschichte zeigen sich mehrere große Wellen des Sprachensterbens, ausgehend von großen Mächten. Dazu gehört die Ausbreitung des Lateinischen durch die Römer in Europa, die Vergrößerung des Inka- und Aztekenreiches und die Kolonisationsbestrebungen der Europäer in der frühen Neuzeit. Hinzu kommen kleinere Wellen z.B. durch Kriege, Völkerwanderungen oder Erstarkung von Religionsgemeinschaften. Sprachen sterben zu jeder Zeit und überall, das ist kein reines Phänomen der europäischen Geschichte. Aber von vielen Sprachen haben wir aufgrund fehlender Aufzeichnungen einfach nicht genug Informationen, um sie überhaupt als Sprache zu klassifizieren.

Manche Sprachen, besonders isolierte wie z.B. im Amazonasgebiet oder indigene Sprachen in Grönland, haben nur eine begrenzte Sprecherzahl und verbreiteten sich auch nicht. Kommt dann eine ‚große‘ Sprache, z.B. Spanisch oder Englisch, in die jeweilige Region, passen sich die Sprecher*innen der kleineren Sprache schnell an und erlernen die neue Sprache. Das bietet meist Handelsvorteile und erleichtert die Kommunikation. Doch damit verlieren im Laufe der Generationen die Nachfahren die eigene Sprache, da sie als Kommunikationsmittel nicht genutzt wird.

In vielen Regionen wurden die angestammten indigenen Sprachen von den neuen Machthabern verboten. Außerdem verdrängten z.B. Kolonialmächte die Menschen aus ihren Siedlungsgebieten, zwangen sie in Reservate, versklavten sie und kümmerten sich überhaupt nicht um den Erhalt von Sprachgemeinschaften. Da die meisten indigenen Sprachen nicht verschriftlicht waren, starben mit ihren Sprecher*innen auch die Sprache innerhalb weniger Generationen aus.

Doch nicht nur Sprachen in Kolonien oder Handelsgebieten schwanden. Auch die sprachliche Vielfalt in Europa nimmt ab. Dieser Prozess begann zwar mit den Römern, verstärkte sich mit Ausbreitung des Christentums und nahm zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr Fahrt auf. Die Bildung von Nationalstaaten machte Sprecher*innen von Minderheitensprachen oft zu Bürgern zweiter Klasse, wenn sie die Mehrheitssprache im Staat nicht beherrschten. Die Bildungssysteme waren nicht an der früher gängigen Mehrsprachigkeit der Menschen interessiert. So wurden kleinere Sprachen in die Funktion der Familiensprache gedrängt, die im öffentlichen Leben praktisch unsichtbar waren, mitunter sogar verboten.

Wissenschaftler*innen gehen heute davon aus, dass in den nächsten 100 Jahren die Mehrheit der weltweiten Sprachen aussterben werden. Damit gehen aber nicht nur Sprachen unter, sondern auch die Kultur und Traditionen der Sprecher*innen, wenn diese nicht zu mindestens dokumentiert wurde.

In den letzten Jahrzehnten veränderte sich die Sicht auf unsere Sprachenvielfalt. Sie wird mehr und mehr als wertvoller Schatz gesehen, den es zu bewahren gilt. Jedoch hängt es zum großen Teil von der Mehrheitsgesellschaft ab, ob eine kleine Sprache ‚gelebt‘ werden kann. Die Politik eines Landes muss allen Sprachen und ihren Sprecher*innen dieselben Rechte zur Nutzung einräumen, Bildungs- und Kulturangebote ermöglichen und finanzielle Mittel für die Umsetzung bereitstellen.

Der Erhalt und die Revitalisierung kleiner Sprachen stellen sich in der Praxis schwierig da. Es braucht neben den rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten auch noch genug Sprecher*innen, die die Sprache leben und weitergeben können. Sind keine Sprecher*innen mehr vorhanden, bleibt nur die Revitalisierung mithilfe der Dokumentation einer Sprache. Doch das bringt, auch mit viel Engagement meist nur Zweitsprecher*innen hervor. Ein Beispiel dafür ist Kornisch in Großbritannien.

Man wird sehen, was die Zeit bringt. Doch wie sieht eine Welt aus, die nur noch einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Sprachen hat?

Quellen

Haarmann, Harald. Lexikon der untergegangenen Sprachen. Beck, München 2002

Tsunoda, Tasaku. Language Endangerment and Language Revitalization. Mouton de Gruyter, Berlin 2005

Die deutsche Kurrentschrift

Eine gut geführte Verwaltung in einem Staat oder Sprachgebiet setzt eine einheitliche Schreibung für alle Arten von Dokumente voraus. So erstaunt es kaum, dass sich zu Beginn der Neuzeit eine einheitliche Schrift in gesamten deutschsprachigen Raum ausbreitete: die Kurrentschrift.

Die deutsche Kurrentschrift entwickelte sich aus einer Kanzleischrift aus der Gruppe der gotischen Schriften. Ihr Name ist vom lateinischen ‚currere‘ – ‚laufen‘ abgeleitet, was sich auf die Schriftform bezieht. Deshalb nennt man sie auch oft Laufschrift. Zur Entstehungszeit wurde allgemein mit Federkielen, später mit Metallfedern geschrieben, was das unterschiedliche Aussehen der Schrift im Zeitverlauf erklärt.

Ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sich die Kurrentschrift als allgemeine Verkehrsschrift und wurde auch in Schulen unterrichtet. Besonders Preußen mit seinem immer größer werdenden Verwaltungsapparat brauchte viele Menschen, die sicher lesen und schreiben konnten.

Es existierten zur gleichen Zeit auch andere (Hand-)Schriften, die aber kaum außerhalb des privaten Gebrauchs Beachtung fanden. Außer im deutschsprachigen Raum verbreitete sich die Kurrentschrift auch nach Skandinavien und Böhmen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Kurrentschrift von der Sütterlinschrift verdrängt, die von Ludwig Sütterlin entwickelt wurde und als leichter zu schreiben und zu lesen galt. Komplett aus den deutschen Schulen und der Verwaltung verschwand die Kurrentschrift Anfang der 1940er Jahre durch die Einführung einer Abwandlung der lateinischen Schrift durch die Nationalsozialisten. Im Süden des deutschsprachigen Raumes, v.a. in Österreich, hielt sich die Kurrentschrift bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die Kurrentschrift gehört zu den gebrochenen Schriften, was sich auf die Richtungswechsel beim Schreiben bezieht. Sie ist weniger rund als bspw. die lateinische Schrift. Durch die Richtungswechsel bei der Kurrentschrift entstehen im Schriftbild spitze Winkel und unterschiedliche Strichstärken, die einen starken optischen Kontrast erzeugen.

Die Form der Buchstaben ist rechtschräg und zeigt viele Schleifen zur Unterscheidung der einzelnen Buchstaben, die sich mitunter sehr ähneln. Die Schreibrichtung eignet sich besonders für Rechtshänder. Linkshändigkeit kommt zwar bei bis zu 15% der Menschen vor, wurde aber bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in der Schule nicht geduldet.

Für die Menschen von heute ist die Kurrentschrift ohne einen Kurs bzw. eine intensive Beschäftigung mit der Schrift kaum noch lesbar. Dennoch lernen viele diese Schrift zumindest lesen, denn die Arbeit z.B. in Archiven ist ohne Kenntnisse der Kurrentschrift nicht möglich. Universitäten und viele Vereine bieten Interessierten Kurse für Kurrentschrift an. Für Selbstlerner gibt es auf dem einige Lehrwerke, die auch zahlreiche historische Schriftproben enthalten.

Quellen

Beck, Friedrich. Die „deutsche Schrift“ – Medium in fünf Jahrhunderten deutscher Geschichte. In: AfD 37, 1991

Süß, Harald. Deutsche Schreibschrift. Lesen und Schreiben lernen. Droemer Knaur, 2002

Veles – der Gott der Fruchtbarkeit

Die slawische Mythologie kennt viele Götter, doch vier sind besonders wichtig. Einer davon ist Veles (oder Volos), der Gott der Fruchtbarkeit und des Viehs. Veles agiert als Gegensatz zu Perun, der Gott des Donners, auf der Erde. Diese Gegensätzlichkeit kennen wir aus vielen Kulturkreisen z.B. auch bei den Griechen (Zeus vs. Poseidon vs. Hades).

Die Herkunft des Namens ‚Veles‘ ist nicht sicher geklärt. Eine mögliche Herkunft könnte die protoindoeuropäische Wurzel *wel- sein, die ‚Wolle‘ bedeutet. Eine zweite Möglichkeit kann die Wurzel *welg für ‚nass‘ sein oder auch *woltus für Wiese, was angesichts der Naturverbundenheit des Gottes einleuchtend ist. Sicher ist aber, dass es eine Verbindung vom slawischen Veles zum baltischen Velnias gibt, der in der baltischen Mythologie eine Art Teufel darstellt und gegen den Gott Perkunas (die slawische Entsprechung ist Perun) agiert. Die in vielen Kulturen überlieferte Zwist zwischen Göttern zeigt sich auch bei den Slawen.

Der slawische Gott Veles vereint gleich mehrere Aufgaben in sich: Er ist der Gott der Fruchtbarkeit, des Waldes, des Viehs, der Ernte, der Magie, des Wissens und des Totenreiches. All diese Funktionen lassen Veles in allen Bereichen des Lebens eine wichtige Rolle spielen, je nach Region wird sein Wirkbereich ein wenig anders interpretiert.

Trotz seiner vielfältigen Funktionen wird er in den vielen Quellen oft nur am Rande erwähnt und steht oft im Schatten der anderen Götter, vor allem Perun. Vielerorts weisen Ortsnamen oder Bezeichnungen von Bergen eine Verbindung zu Veles auf, im gesamten slawisch besiedelten Raum. Auch in einigen Liedern ist der Name des Gott überliefert.

Es sind keine Beschreibungen von Veles überliefert, alle Bildnisse sind erst nach der Christianisierung entstanden. Ein typisches Bild ist ein älterer Mann, der in der Natur und mit Tieren dargestellt wird. Zum Veles-Kult gehörten auch Opfergaben, entweder zur Zeit der Ernte z.B Ähren vom Feld oder auch Tieropfer. Überliefert sind auch Tieropfer Verbindung mit der Wintersonnenwende. Die Wintersonnenwende stellt in heidnischen Kulturen oft einen symbolischen Übergang vom Tod zum Leben.  

Seine Verbindung zum Totenreich brachte ihn nach der Christianisierung der Slawen einen Status des Teufels ein, denn die Christen lehnte den Polytheismus der Heiden grundsätzlich ab. Um die Götter der Slawen abzuwerten, machte die Missionare böse Geister aus ihnen. An Veles Stelle traten Heilige, deren Namen ähnlich klangen z.B. der heilige Blasius oder Nikolaus. Die Veles zugeschriebenen Kräfte und Funktionen konnten natürlich nicht einfach auf Heilige überschrieben werden. Die Aspekte wie Tod oder Krankheit konnten bzw. wollten die Christen nicht mit ihren Heiligen verbinden, sondern nur die positiven Funktionen und Eigenschaften. Alles Negative findet sich in Gestalt des Teufels oder böser Geister wieder.

Im Rodismus bzw. Neopaganismus feiert man die heidnischen Götter und Kulte aus der vorchristlichen Zeit und dabei spielt Veles als einer der vier großen Gottheiten eine zentrale Rolle. Diese Begeisterung für die heidnischen Götter ist besonders in Polen und Tschechien verbreitet.  

Quellen

Zdeněk Váňa: Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Urachhaus, Stuttgart 1993

Joachim Herrmann: Welt der Slawen. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. Beck, München 1986

Bildquelle

Andrey Shishkin – Author's website, № 242 Велес, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=96877998

Panslawische Farben

Farben spielen im Leben der Menschen eine große Rolle. Die Gründe dafür sind vielseitig, denn Farben können eine religiöse oder ethnische Bedeutung haben, Symbole für Eigenschaften oder historische Ereignisse sein u.v.m. Diese wichtigen Bedeutungen spiegeln sich besonders in den Flaggen von Ländern wider.

Flaggen sind schon seit Jahrtausenden bekannt. Sie dienten als Erkennungsmerkmal, z.B. im Krieg, oder als Markierung von bestimmten Orten. Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Formen und Symbole zur Abgrenzung. Heute besitzt jedes Land eine Nationalflagge, deren Farben besondere Bedeutung haben.

Im slawischen Raum trifft man besonders oft die Nationalfarben Weiß, Blau und Rot. Das ist jedoch kein Zufall, sondern beruht auf einer bewusst gewählten Kombination dieser Farben auf dem Prager Slawenkongress im Jahr 1848. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Form des Nationalismus, der sich im slawisch geprägten Raum vor allem auf die politische und kulturelle Vereinigung der slawischen Völker konzentrierte. Im Zuge dessen entstanden Flaggen mit den drei Farben Weiß, Blau und Rot in unterschiedlicher Kombination nach dem Vorbild der Niederlande. Zum damaligen Zeitpunkt existierten die Staaten noch nicht so wie heute, aber die Volksgruppen verstanden sich als Einheit.

Die Anordnung der Farben ist unterschiedlich, auch die Form oder die Zusätze auf den Flaggen variieren. Die Trikolore Russlands, Sloweniens und der Slowakei sind beispielsweise gleich, aber die beiden letzten haben ihr Wappen hinzugefügt.

Tschechiens Flagge stellt eine optische Besonderheit dar. Die Farben Rot und Weiß sind als Streifen angeordnet, das Blau jedoch als ein Dreieck an der linken Flaggenseite. Diese Flagge gibt es erst seit 1920 und war ursprünglich die Flagge der Tschechoslowakei. Bei der Trennung Tschechiens und der Slowakei 1993 behielt Tschechien die Flagge. Die drei Farben symbolisieren traditionell auch die beiden größten Landesteile: Böhmen (weiß und rot) und Mähren (blau).

Als eine der wenigen Ausnahmen haben die Bulgaren das Blau gegen Grün (es steht für den fruchtbaren Boden des Landes) getauscht, als bewusste Trennung und Zeichen ihrer Eigenständigkeit.

Nicht alle Länder in denen Slawen leben, und auch andere Ethnien, besitzen Flaggen in panslawischen Farben. Ein Land davon ist z.B. die Ukraine, deren Farbgebung Blau-Gelb auf historische Farben zurückgeht und heute mit dem Himmel und den Weizenfeldern assoziiert wird. Ein anderes Beispiel ist der Kosovo, dessen junge Flagge sich nach dem Vorbild der EU-Flagge gestaltet ist.

Die panslawischen Farben sind auch in vielen Regionalflaggen, besonders in Russland und der Ukraine, zu finden. Jedoch sind die Farben dort angepasst und mit typischen Symbolen der Region versehen und es handelt sich in den Regionen häufig nicht um slawische Volksgruppen, sondern Angehörige von Turkvölkern oder finno-ugrischen Gruppen.

Alle Staaten sind stolz auf ihre Farben und Flaggen, das zeigt sich bei sportlichen Ereignissen sowie Staatsangelegenheiten, bei denn den Flaggen immer eine wichtige Bedeutung zugesprochen wird. Sie sind ein Teil der nationalen Identität.

Quellen

Braem, Harald. Die Macht der Farben. Langen/Müller. München 2003

Hessmer, Karl-Heinz. Flaggen und Wappen der Welt. Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh 1992

Ungelesene Bücher sammeln – muss das sein?

Alle, die gerne lesen, kennen es: Unser Bücherschrank beherbergt ungelesene Bücher. Wie viele es jeweils sind, darüber schweigt man gerne oder schätzt die Zahl zu niedrig ein. Ich würde die Zahl meiner ungelesenen Bücher auf etwa knapp 100 schätzen.

Aber wie kommt es zu solchen speziellen Sammlungen? Der Mensch sammelt per se ja schon gerne, egal ob Bücher, Steine, Schlüssel usw. Das ist eine Art Überbleibsel aus der Frühzeit. Und bei manchen ist daraus eine Büchersammelleidenschaft geworden. Auch ich gehöre zu dieser Sorte Mensch. Nur Bücher, die ich entweder nicht mag oder nur einmal lesen kann z.B. Krimis, finden keinen dauerhaften Platz in meinen Schränken.

Von Natur aus würde ich mich als pragmatische und praktisch veranlagte Person beschreiben, aber das Sammeln widerspricht in der heutigen Zeit der Praktikabilität. Gesammelte Dinge besitzen meist nicht den praktischen Nutzen wie eine Pfanne oder eine Gießkanne, vor allem nicht, wenn man viele davon besitzt.

Gut, nun besitze ich zwar viele Bücher, aber keins davon doppelt (damit meine ich in derselben Sprache). Es soll Leute geben, bei denen das anders ist….

Ich besitze drei volle Bücherschränke. Schrank Nummer 1 ist eigentlich ein Regal und beinhaltet die Sammlung meiner medizinischen Fachbücher, die ich entweder in der Ausbildung oder zu speziellen Fortbildungen gekauft habe. Außerdem stehen dort auch alle Wörterbücher, Grammatiken und Lehrwerke, die durch meine Spracheleidenschaft ‘nötig’ wurden.

In Schrank Nummer 2 stehen die meisten meiner polnischen Bücher bzw. Bücher mit polnischer Thematik und ein paar englische Bücher. Dieser Schrank ist erst seit meiner Unizeit thematisch gewachsen. Vorher waren vor allem Biographien und Romane, von denen die meisten neue Leser*innen gefunden haben.

Schrank Nummer 3 ist ein buntes Sammelbecken für alle anderen Bücher, die keine medizinischen Fachbücher sind, polnische Thematiken beinhalten oder einen anderen sprachlichen Fokus haben. Das sind z.B. Kinder- und Jugendbücher, wenige Romane und Sachbücher. Außerdem stehen hier auch die Bücher meines Mannes, die meinen zahlenmäßig weit unterlegen sind.

Und dann haben wir noch die ungelesenen Schätze, die im untersten Fach von Schrank Nummer 3 auf ihren Einsatz warten. Sie sind nicht sortiert, sondern eher nach Größe aufgereiht, keine Ahnung warum. Vielleicht weil ich eh immer alle anschauen und herausnehmen muss, um mich für eins zu entscheiden. Etwa die Hälfte der Bücher habe ich aus Verschenke-Regalen oder von Menschen, die sie nicht mehr brauchen. Die meisten sind auf Deutsch, aber von slawischsprachigen Autor*innen. Ob ich jemals alle von dieser Rubrik lesen werden? Die andere Hälfte habe ich selbst gekauft, meist ungeplant. Einen Buchladen zu betreten und nichts zu kaufen, ist eine echte Herausforderung für mich, denn ich finde immer etwas. Natürlich kann man sich fragen, wie sinnvoll es ist Bücher zu kaufen, obwohl noch so viele zu Hause warten. Kann ich nicht beantworten, so wie die meisten Sammler. Es ist einfach ein gutes Gefühl.

Ich liebe den Geruch neuer Bücher und kaufe definitiv auch nach Aussehen. Da ich thematisch fast alles lese, Ausnahmen sind die Rubriken Horror und Comics, kann ich nach Lust und Laune auswählen. Dabei kommt aber auch darauf an wie viel Zeit ich zum Lesen finde.

Die mangelnde Zeit, besonders in den letzten vier Jahren, ist wahrscheinlich der wichtigste Grund für die nicht kleiner werdende Menge an ungelesenen Büchern. Und eventuell die stimmungsvolle Atmosphäre in Buchläden. Bis vor ein paar Jahren hätte es mich sehr gestresst so viele ungelesene Bücher zu haben. Mittlerweile sehe ich es entspannter. Für jedes Buch kommt irgendwann die Zeit es zu lesen oder ich gebe es weg, wenn es mich doch nicht mehr anspricht. Bücher weiterzugeben und anderen eine Freude zu machen, ist nämlich ein ebenso gutes Gefühl wie neue Bücher zu kaufen.

Als kleine Hilfe gegen zu viele Neuanschaffungen habe ich einen kleinen Trick: Gefällt mir ein Buch im Laden, stelle ich es erstmal zurück und gehe weiter gucken. Erinnere ich mich nach dem Rundgang noch genau an dieses Buch, gehe ich zurück und überlege nochmal. Das hört sich erstmal an als ob ich immer zurückgehe. Aber wenn ich mir während des Rundganges mehrere Bücher merken muss, dann bleiben mir nur die besten in Erinnerung. Ich bilde mir ein, dass das die Anzahl der Bücher, die es zur Kasse schaffen, wenigstens ein wenig reduziert.

Wieviele ungelesene Bücher hast du schätzungsweise? Fehlt dir die Zeit sie zu lesen? Oder die Motivation? Schreib es mir gerne!

Bulgarisch

Bulgarisch gehört zur Gruppe der ostsüdslawischen Sprachen innerhalb der großen slawischen Sprachfamilie. Als Amtssprache Bulgariens leben die meisten Sprecher*innen (ca. 6,5 Millionen) in Bulgarien. Außerhalb wird in den Nachbarstaaten wie der Ukraine, Griechenland oder Rumänien von ca. 1,5 Millionen Menschen ebenfalls Bulgarisch gesprochen. Seit dem EU-Beitritt Bulgariens ist Bulgarisch eine der 24 Amtssprachen der Europäischen Union.

Das Bulgarische ist die erste geschriebene slawische Sprache. In ihrem Sprachgebiet etablierte sich im 9. Jahrhundert das Erste Bulgarische Reich. Die Brüder Kyrill und Method schufen ein slawisches Alphabet zur Verschriftlichung der Bibel in slawischer Sprache und nutzten das Altbulgarische als Ausgangssprache. Religiöse Texte aus der Zeit sind in zwei Schriften erhalten, in glagolitischer und kyrillischer Schrift, von denen viele noch heute erforscht werden wie der Codex Assemanianus. Bis heute wird Bulgarisch in kyrillischer Schrift geschrieben, unterscheidet sich aber in seiner Form stark von den früheren Formen.

Die Entwicklungsstufen des Bulgarischen teilt man in drei Zeitabschnitte ein: Altbulgarisch (9.–11. Jahrhundert), Mittelbulgarisch (12.–14. Jahrhundert) und Neubulgarisch (seit dem 15. Jahrhundert).

Das Standardbulgarische besitzt 6 Vokale, 36 Konsonanten im Phoneminventar und einen freien Wortakzent. Im Gegensatz zu den meisten slawischen Sprachen gibt es im Bulgarischen weniger Formen in der Deklination, besonders die Kategorie Kasus ist reduziert. Dafür ist der Formenreichtum im Verbsystem ausgeprägt u.a. mit vier verschiedenen Vergangenheitsformen. Jedoch kennt das Bulgarische Artikel, ähnlich wie viele germanische Sprachen. Die klassische Wortstellung ist Subjekt-Verb-Objekt, kann aber abgewandelt werden.   

Die historischen Gegebenheiten haben das Bulgarische mit vielen Entlehnungen aus dem Griechischen und Türkischen geprägt, während der Erbwortschatz zum größten Teil slawisch ist. In neuerer Zeit kommen auch zahlreichen Anglizismen dazu.

Das Bulgarische weist eine Fülle an Dialekten auf, eingeteilt in drei Gruppen: westbulgarisch, ostbulgarisch und rupzisch. Die verschiedenen Dialekte haben phonologische, morphologische und lexikalische Charakteristika, die sich überlappen und ein Dialektkontinuum zum Mazedonischen und Serbischen bilden. Außerdem lassen sich auch Ähnlichkeiten zu nicht slawischen Sprachen in geografischer Nähe wie dem Rumänischen finden, was durch wechselseitige Einflussnahme z.B. Handelsbeziehungen oder Mischehen entstanden sein kann.

Die Tatsache, dass das Bulgarische solch eine lange Schrifttradition hat, lässt erahnen, wie vielfältig seine Literaturgeschichte ist. Als bulgarischer Nationaldichter gilt Christo Botew (1848-1876).

Quelle

Gutschmidt, Karl. Bulgarisch. In: Miloš Okuka, Gerald Krenn (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2002

Edward Sapir

Jeder Forschende versucht ein bleibendes Stück Wissenschaft zu schaffen. Edward Sapir ist in der Hinsicht ein Meisterwerk gelungen, denn er hat unter anderen zahlreiche vom Aussterben bedrohte indigene Sprachen Nordamerikas untersucht und dokumentiert.

Edward Sapir wurde 1884 in Lauenburg in Pommern (heute Lębork in Polen) in eine jüdische Familie hineingeboren. Seine Eltern wanderten 1889 mit ihm in die USA aus. Dort studierte er Germanistik und Indogermanistik in New York und beschäftigte sich schon im Studium mit dem Ursprung von Sprachen, was später ein Tätigkeitsschwerpunkt seiner Arbeit werden sollte.

Angeregt durch die Arbeit des Anthropologen Franz Boas verbrachte Sapir lange Zeit mit der Erforschung indigener Sprachen, die er gründlich beschrieb und für die Nachwelt bewahrte. Die Verbindung der Linguistik und Anthropologie war dabei ein Novum, das uns heute aber als selbstverständlich erscheint. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckte die Interdisziplinarität als fester Bestandteil in der Wissenschaft noch in den Kinderschuhen.

Sapirs arbeitete ab 1907 als Assistent am anthropologischen Institut der University of California und beschäftigte sich besonders mit den indigenen Sprachen, die in Kalifornien beheimatet sind. Dabei kam ihm seine linguistische Ausbildung zugute, denn eine gründliche Beschreibung von Grammatik und Lexik war für ihn genauso wichtig wie die Erforschung der Kultur der jeweiligen Sprachgemeinschaft.

1909 promovierte Edward Sapir über die Grammatik des Takelma, einer indigenen Sprache im Südwesten Oregons. Die folgenden Jahre (bis 1925) forschte er in verschiedenen Bundesstaaten und Kanada, wobei seine Arbeit nicht nur in der Beschreibung der Sprachen bestand. Er versuchte auch Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Sprachen festzustellen und mögliche Lautwandelprozesse zu erklären.

Die Bemühungen seine Arbeit interdisziplinär zu gestalten, konnte er als Professor an der University of Chicago (1925-1931) und der Yale-University (ab 1931) weiter ausbauen. Er versuchte seine Art zu denken und zu forschen zu etablieren, doch wurde ihm von konservativer Seite wenig Unterstützung geboten. Ob es an seiner Art zu arbeiten lag oder an dem Fakt, dass er Jude war, lässt sich nicht genau sagen. Mitte der 1930er Jahren war Sapir gesundheitlich angeschlagen und er zog sich aus der universitären Forschung zurück. Edward Sapir starb 1939 in New Haven.

Sein wissenschaftliches Erbe ist beachtlich. Er beschrieb 39 indigene Sprachen, die heute teilweise ausgestorben sind. Auch das Wissen um die Kultur der Sprachen konnte er, zumindest dokumentarisch, bewahren. Als Linguist achtete er auf eine exakte Beschreibung der Grammatik, vor allem der Phonologie. Er nutzte Methoden der vergleichenden Sprachwissenschaft und maß jeder Sprache eine wichtige Bedeutung bei. Für ihn gab es keine bessere oder schlechtere Sprache, was zu der Zeit noch ein weit verbreiteter Gedanke war.

Auch die theoretische Forschung Sapirs ist beachtlich vor allem im Bereich der Phonologie und Psycholinguistik. Seine Sicht auf Sprachen schuf neue linguistische Disziplinen wie z.B. die Ethnolinguistik. Seine Annahme, dass die Sprache das Denken beeinflusst, wurde von seinen Schülern weiterentwickelt. Daraus entstand die bekannte Sapir-Whorf-Hypothese, die heute allerdings teilweise widerlegt ist.

Nach Sapirs Tod hatten es die Verfechter der interdisziplinären Forschung schwer sich durchzusetzen. Erst in den letzten Jahrzehnten ist die gemeinsame Arbeit von Wissenschaftsdisziplinen, unabhängig welcher Bereich, eine Selbstverständlichkeit geworden. Edward Sapir hat gezeigt wie es gehen kann und warum es die Wissenschaft voranbringt, wenn viele Disziplinen zusammenarbeiten.

Quellen

Regna, Darnell. Edward Sapir: linguist, anthropologist, humanist. University of California Press, Berkeley 1989

Sapir, Edward. Die Sprache: eine Einführung in das Wesen der Sprache. Hueber, München 1972

Pommern

Die historische Region Pommern liegt heute in Deutschland und Polen, entlang der Ostseeküste. Der heutige deutsche Teil erstreckt sich von der Odermündung bis zum Saaler Bodden. Die südliche Begrenzung liegt im heutigen Brandenburg auf der Höhe von Schwedt. Im polnischen Teil dehnt sich das Gebiet bis zur Danziger Bucht und im Süden knapp vor Gorzów Wielkopolski/Landsberg an der Warthe und Kostrzyn nad Odrą/Küstrin aus. Die heutige Aufteilung der polnischen Woiwodschaften und der deutschen Bundesländer stimmen nicht genau mit der historischen Region überein.

Der deutsche Name leitet sich aus dem Slawischen ab und bedeutet ‚am Meer‘ (auf Polnisch ‚po morzu‘). Erste Erwähnungen Pommers findet man in Dokumenten aus dem 11. Jahrhundert z.B. in den Schriften des Chronisten Gallus Anonymus oder Reiseberichten von Händlern. Das pommersche Wappen zeigt einen schreitenden roten Greif auf (ehemals) silbernen Grund.

In der Zeit bis zur Völkerwanderung war die Region wahrscheinlich von Germanen besiedelt, die dann Richtung Süden und Südosten zogen. Ab dem 6. Jahrhundert siedelten dort westslawische Stämme z.B. die Ranen und Pomoranen. Die Stämme lebten v.a. vom Fischfang und der Landwirtschaft, trieben aber auch Handel in Skandinavien.

Der stärker werdende Einfluss des Christentums dehnte sich im 10. Jahrhundert von Westen in das noch heidnische Gebiet aus. Außerdem gab es immer wieder kleine Auseinandersetzungen mit den Dänen um die Vorherrschaft an der Küste. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts wurden die Stämme in Pommern nicht nur christianisiert, sondern auch tributspflichtig gegenüber den Sachsen, Polen oder Dänen (je nach Gebiet). Teilweise gliederten die Herrscher pommersche Gebiete auch vollständig in ihren Herrschaftsbereich ein wie z.B. der Piastenfürst Bolesław III oder Heinrich der Löwe aus dem Haus der Welfen.

Die Zuwanderung von deutschen Siedlern in das slawischsprachige Gebiet und die Etablierung einer kirchlichen Infrastruktur trugen maßgeblich zur Assimilation der slawischen Bewohner bei, bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts die letzten slawischen Sprachräume verschwanden.

Die Reformation erfasste ganz Pommern. Weltliche Herrscher nutzten die Reformation zur Vergrößerung ihres Einflussbereiches durch Enteignung der Klöster und Entmachtung der Kirchenoberen. Im 30jährigen Krieg wurde die Region durch Truppen beider Seiten geplündert und gebrandschatzt und 1648 zwischen Schweden und Brandenburg aufgeteilt. Doch der Friede währte nur kurz. Die Zugehörigkeit der pommerschen Teile wechselte ständig, der Aufbau einer Wirtschaft und eines Handelsnetz waren dabei fast unmöglich und die Region blieb unterentwickelt. Die großen Städte wie Greifswald, Stettin oder Stralsund waren mehr Festungs- als Handelsstädte.   

Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) erstritt sich Preußen Teile des schwedischen Teil Pommerns. Nur langsam konnte in der wirtschaftlich schwachen Region die Landwirtschaft wieder aufgebaut werden, meist durch Landarbeiter, die kaum mehr als Leibeigene waren. Bis weit ins 20. Jahrhundert war die Land- und Fischwirtschaft die Haupteinnahmequelle der Menschen. Pommern verblieb bis auf kleinere Gebiete (u.a. die Städte Bütow/Bytów und Stolp/Słupsk) nach dem Ersten Weltkrieg bei Deutschland.

Die Festlegung Oder-Neiße-Grenze nach 1945 trennte Pommern endgültig in zwei Teile auf. Die deutschen Bewohner des jetzt polnischen Teil Pommerns wurden vertrieben und Polen aus den ehemaligen Ostgebieten (im Polnischen als ‚Kresy‘ bezeichnet) angesiedelt.

Was bleibt, ist die gemeinsame Geschichte Pommerns, die v.a. slawischen Kulturbezüge wie Namen. Seit Mitte der 90er Jahre arbeiten Deutschland und Polen an Projekten, die die ‚Euroregion Pomerania‘ zusammenbringen, z.B. Jugendbildung, Umweltschutz u.v.m. Die Ziele sind einerseits die Stärkung der Region, aber auch der Erhalt des gemeinsamen Erbes.

Quellen

Porada, Haik Thomas. Pommern. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. 2014.

Treichel, Peter. 800 Jahre Pommern und seine Nachbarn: Die Geschichte einer Provinz. BoD, 2014

Mein Jahresrückblick 2023

Das Jahr neigt sich schneller dem Ende zu als ich es wahrhaben will! Wo ist die Zeit hin? Und was dieses Jahr alles passiert ist…..

Ich bin, wie eigentlich immer, voller Tatendrang ins Jahr 2023 gerutscht. Ich setzte mir kaum Vorsätze, dafür bin ich zu sehr Realistin. Doch zwei Ziele hatte ich klar vor Augen: Meine Bachelorarbeit und die A2-Sprachprüfung für Niedersorbisch.

Vor allem in der Uni sollte sich 2023 viel verändern. Ich besuchte die letzten Kurse und engagierte mich stark in unserer kleinen Fachschaft, um das studentische Leben in dem kleinen Institut wieder zu beleben. Ich verbrachte viel Zeit in der Uni, in Seminaren und der Bibliothek. Die wurde im Frühjahr mein zweites Zuhause, denn die Suche nach Literatur für die Bachelorarbeit nahm viel Zeit in Anspruch. Das Thema stand und ich las so viel wie noch nie im Studium. Die Abgabe war schon für den Sommer geplant, dauerte aber doch bis zum Herbst, weil ich einfach nicht genug Zeit zum Schreiben fand.

Im September fuhr ich nach Cottbus und legte die A2-Niedersorbischprüfung ab. Niedersorbisch kann man leider in Berlin nicht studieren, es bleibt also bei einem intensiven Hobby. Ich versuche es so oft wie möglich ins Studium zu integrieren.

Trotz der unfertigen Bachelorarbeit bewarb ich mich für das Masterstudium an der Humboldt-Universität (die Bewerbungsfrist lief bis August) und bekam die Zusage. Das spornte mich an die Arbeit noch vor dem Beginn des Masterstudiums fertig zu schreiben und tatsächlich gab ich sie kurz vor Semesterbeginn im Prüfungsbüro ab! Durchschnaufen konnte ich leider nicht, denn das Semester startete und ich hatte mir ziemlich viele Kurse ausgesucht, mal wieder ein typischer Erstsemesterfehler!

Neben dem Studium war ich dieses Jahr auch auf vielen Veranstaltungen z.B. einer Konferenz über Aleksander Brückner oder der Expolingua. Ich lernte dort viele neue Leute kennen und war zu Gast in dem tollen Podcast „Wissen schafft Sprache“ von Verena Hofstätter. Das alles sind erste Schritte zum Aufbau eines Netzwerkes, dass für meine spätere Arbeit nützlich sein wird.

Mein Blog füllte sich immer weiter, die Leserzahlen steigen, all das motiviert mich weiterzumachen. Ich habe durch das Schreiben dieses Jahr wieder so viele neue und spannende Themen aufgestöbert, die ich noch nicht auf dem Schirm hatte. Und immer öfter kann ich Verbindungen zu alten Artikeln ziehen.

Obwohl für mich persönlich alles positiv läuft, mache ich mir trotzdem oft Gedanken um die Zukunft. Vor allem die Geschehnisse weltweit lassen Fragen nach der Sinnhaftigkeit meines Tuns aufkommen. Kann meine Arbeit dazu betragen etwas zu verändern? Eine Frage, auf die ich noch keine Antwort habe.

Trotz allem sehe ich optimistisch ins nächste Jahr! Ich danke allen für die Unterstützung und Lesefreude!

Niedersorbisch-Spracherhalt

Das Niedersorbische ist eine akut gefährdete westslawische Sprache, die im Süden Brandenburgs gesprochen wird. Die Zahl der aktiven Sprecher*innen geht seit Jahrzehnten zurück, bedingt durch frühere politische Entscheidungen, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus, wie öffentliche Sprachverbote, fehlender Schulunterricht und mangelndes Prestige.

Deutschland und die Europäische Union haben sich den Schutz der sogenannten ‚kleinen‘ Sprachen auf ihre Agenda geschrieben und stellen zu deren Schutz große finanzielle Ressourcen bereit. Außerdem gelten für Minderheiten – und Regionalsprachen besondere Regeln zum Sprachgebrauch im öffentlichen Leben. Seit Mitte der 90er Jahre wurden mehrere Schutzabkommen innerhalb der EU verabschiedet, u.a. das Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Beide Abkommen gelten länderübergreifend, werden aber von jedem einzelnen Land unterschiedlich umgesetzt. Außerdem haben die Staaten bei Nichtumsetzung keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten.

Deutschland hat sich selbst dazu verpflichtet die Abkommen bestmöglich umzusetzen und erstattet regelmäßig Bericht. Je nach Minderheiten- oder Regionalsprache sind die Maßnahmen bundesweit oder auf einzelne Bundesländer beschränkt. Beim Niedersorbischen beschränkt sich der Maßnahmenkatalog auf das Bundesland Brandenburg, dem Siedlungsgebiet der Niedersorben.

In der Brandenburgischen Verfassung ist der Schutz des Niedersorbischen mit einem eigenen Abschnitt geregelt. Darin sind alle Rechte des sorbischen Volkes festgehalten. Dazu zählen z.B. die Führung eines sorbischen Namens, Unterricht in niedersorbischer Sprache und freie Ausübung der Sprache auf Ämtern oder vor Gericht. Außerdem gibt es den Rat für sorbische Angelegenheiten, kurz Sorbenrat, der die Interessen der Sorben im brandenburgischen Parlament vertritt.

Seit der Einführung der Schutzmaßnahmen hat sich die Zahl der Sprecher*innen jedoch nicht merklich erhöht, ist aber auch nicht gesunken. Jetzt kann man argumentieren, dass in den letzten 25 Jahren noch keine Steigerung zu erwarten sei, denn die neuen Sprecher*innen müssen ja erst heranwachsen.

Genau diesem Bereich, der Ausbildung von Muttersprachler*innen, widmet sich das wichtigste Projekt im sorbischen Raum, das Witaj-Projekt. Es arbeitet nach DIWAN-Modell der bretonischen Minderheit, die durch alle Bildungsinstanzen die bretonische Sprache vermitteln. Die Sorben, Ober-wie Niedersorben, haben ein bilinguales Bildungssystem von der Kita bis zum Schulabschluss aufgebaut. Schon die Kleinen erlernen, wenn nicht im Elternhaus, in der Kita die sorbische Sprache nach dem Ansatz der vollständigen Immersion. Die Nachfrage ist, auch bei den nicht-sorbischsprachigen Eltern, seit dem Projektstart stark gestiegen, sodass Brandenburg jetzt vor dem allgegenwärtigen Fachkräfteproblem steht. Auch in den Schulen fehlt es an Personal, dass die sprachlichen Qualifikationen mitbringt.  Der Rechtsanspruch auf einen Schulplatz mit Sorbischunterrricht wird mittlerweile von Eltern auch eingeklagt, Schulschließungen sind dadurch schon mehrfach verhindert worden.

Um genug Personal im Bildungsbereich zu generieren, gibt es zahlreichen Weiterbildungsangebote für Erzieher*innen, Lehrkräfte etc. Doch das alles braucht Zeit, was Chancen verstreichen lässt. Von den sorbischen Interessensverbänden wird auch die mangelnde universitäre Ausbildung für Berufe mit niedersorbischem Profil beanstandet. Studierende, die Niedersorbisch auf Lehramt studieren wollen, müssen die Niederlausitz verlassen und in Leipzig studieren, weil Brandenburg keine eigenen Sorbisch-Lehrer*innen ausbildet, vermutlich aus Kostengründen. Die Berufsaussichten für Sorbisch-Lehrer sind heute so gut wie noch nie, es werden alle Absolvent*innen aus Leipzig in Brandenburg eingestellt. Doch die Attraktivität des Berufes bzw. des Studiums würde noch mehr steigen, wenn die Studenten in ihrer Heimat bleiben könnten. Die sprachliche Qualifikation von Fachlehrern, z.B. in den Naturwissenschaften, wurde bis vor wenigen Jahren von der Uni Potsdam gewährleistet, d.h. dass die Lehrer ohne Niedersorbischkenntnisse eine Art Aufbaustudium absolvieren konnten, um ihre Fächer in Niedersorbisch unterrichten zu können. Auch dafür kommt jetzt nur noch die Uni in Leipzig in Frage.

Doch warum schafft es Brandenburg nicht eine eigenen ihrer Universitäten für die Ausbildung der Niedersorbischlehrkräfte umzurüsten?

Neben dem Bildungsbereich fließen auch viele Mittel in den Kultur- und Verwaltungsbereich. Unter anderem sollen alle digitalen Verwaltungsvorgang in deutscher und niedersorbischer Sprache möglich sein, das garantiert das 2018 in Kraft getretene Brandenburgische E-Government-Gesetz.

Man kann sich zu recht fragen, warum solche kostspieligen Maßnahmen ergriffen werden, wo doch alle Sorben auch deutsch sprechen und in ihrem Alltag nicht auf das Sorbische angewiesen sind? Aus wirtschaftlicher Sicht ist das absolut richtig. Doch Deutschland und auch Europa verstehen sich als vielfältige Gemeinschaft und wollen allen Minderheiten die Partizipation in jeder Hinsicht, also auch sprachlich, ermöglichen. Und man kann schließlich nicht einfach nach Größe oder Prestige einer Minderheit selektieren, das widerspreche dem Gleichberechtigungsgrundsatz. Ein anderer Grund für diese Haltung ist das historische Erbe der jahrhundertelangen Unterdrückung der Minderheiten, nicht nur in Deutschland.

Vielfalt ist ein Weg zu mehr Toleranz untereinander, doch dieser Weg ist noch lang und arbeitsintensiv!

Quellen

BMI (Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat). 2019. „Fünfter Bericht der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 25 Absatz 2 des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten“.

Spieß, Gunter. 2004. „Niedersorbisch“. In Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens, herausgegeben von Miloš Okuka und Gerald Krenn. Bd. 10. Klagenfurt/Celovec: Wieser Verlag.

Verfassung des Landes Brandenburg vom 1992. https://bravors.brandenburg.de/de/gesetze-212792