Warszawa oder Warschau?

Im Deutschen nutzen wir oft die Redewendung ‚Namen sind Schall und Rauch‘, das auf eine Stelle in Goethes Faust zurückgeht. Damit drücken wir aus wie belanglos eine Sache, ein Titel oder eben auch ein Name ist. Doch gilt das für alle Namen? Und wer entscheidet darüber?

Namen haben eine große Bedeutung für uns, sonst würden wir nicht allem und jedem einen Namen geben. Die Wahl eines Vornamens stellt werdende Eltern vor ein schier unlösbares Problem und nicht jedes Kind ist mit dieser Entscheidung glücklich. Dass Namen unser Leben beeinflussen, stellt niemand in Frage. Und doch gibt es einen Bereich der Namensforschung, der politisch und sozial immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt: die Toponomastik bzw. Ortsnamenkunde.

Dörfer, Städte, Länder, alles ist benannt, dokumentiert auf Landkarten, Atlanten und Globussen. Und die Bezeichnungen sind vielfältig, denn meist gibt es eine Eigenbezeichnung (Endonym) und ein oder mehrere Fremdbezeichnungen (Exonym). Im deutschsprachigen Raum sind wir es gewöhnt z.B. für ausländische Städte und Regionen „deutsche“ Namen zu verwenden. Das hat meist historische Gründe oder ist dem Umstand geschuldet, dass wir aus fremden Sprachen und Schriftsystemen deutsche Entsprechungen generiert haben. Auch die koloniale Sicht auf andere Völker spiegelt sich in Fremdbezeichnungen wider.

Gesellschaftliche Normen und politische Einstellungen zeigen sich innerhalb der Sprache. Nicht ohne Grund wurden Städte nach Eroberungen oder Herrschaftswechseln umbenannt, um eine Legitimation zu schaffen und eine neue Ordnung zu etablieren. Ein neuer Name versucht die alte Identität zu ersetzen und langfristig die Erinnerung der Menschen zu tilgen. Dafür finden sich viele Beispiele vor unserer Haustür, z.B. in der Lausitz, wo der deutschsprachige Einfluss die sorbischen Namen weitgehend verdrängt oder eingedeutscht hat.

Doch auch eine andere Sichtweise drängt sich in diesem Kontext auf. Wir leben in einer Zeit, wo wir unsere Sprache nutzen, um Zugehörigkeit und Wertschätzung auszudrücken gegenüber anderen auszudrücken. Das kann sich in verschiedener Art und Weise zeigen, doch besonders bei der Verwendung von Eigenbezeichnungen im geografischen Kontext.

Ich zum Beispiel nutze meistens die polnischen Städtebezeichnungen, nicht weil ich die deutschen nicht kenne oder ablehne, sondern meinen Respekt gegenüber den Menschen dort ausdrücken möchte. Diese Entscheidung kommt nicht immer gut an, einige Menschen sind sogar irritiert, weil sie die polnischen Namen nicht kennen. Aber genau diese Unwissenheit ist Teil der (meist) großen Nationen wie Deutschland, in denen es wenig Platz für solche, scheinbar banalen Belange gibt. Doch in meinen Augen ist die Nutzung der Eigenbezeichnungen ein Zeichen von europäischem Verständnis über die Gleichwertigkeit aller Nationen, Menschen und Mehrsprachigkeit. Dazu gehört, meiner Meinung nach, auch die Anpassung der Schreibung von Namen, z.B. ukrainischen Städten, deren korrekte Transliteration bis heute noch nicht selbstverständlich ist.

Bei der Überlegung welche Namensform genutzt wird, gibt es immer zwei Seiten. Wenn sich jeder Mensch vorstellt welche Wertschätzung die Verwendung der Eigenbezeichnung in den dort lebenden Menschen auslöst, sollte es nicht zu viel verlangt sein, oder?

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