Der Laden

Bei meiner Oma stand jahrelang die Trilogie ‚Der Laden‘ von Erwin Strittmatter im Bücherregal und ich habe die Bücher nie beachtet. Doch im letzten Jahr war genau dieser Klassiker Teil meines Seminars ‚Deutsch-westslawische Sprachkontakte‘!

‚Der Laden‘ wurde von einem der bekanntesten deutschen Schriftsteller der DDR geschrieben, Erwin Strittmatter. Seine Identität als Deutscher und Sorbe ist dabei besonders interessant, denn er beschreibt wie kein anderer diese Doppelwelt.

Die Handlung der Trilogie beginnt kurz nach dem Ersten Weltkrieg, Strittmatter ist Jahrgang 1912, und zieht sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt steht Esau Matt mit seiner Familie, die einen Laden in einem Dorf in der Niedelausitz führt. Strittmatter lässt uns eindrücklich am Leben im Dorf teilnehmen, mit einem sensiblen Blick auf gesellschaftliche Probleme und Lebensart der „einfachen“ Leute.  

Auch wenn ‚Der Laden‘ keine klassische Biografie ist, sind die Leben des Autors und der Hauptfigur auffällig eng miteinander verwoben. Kritiker werfen Strittmatter oft seine Aktivität in der Nazizeit vor, die er in einigen vorherigen Werken aufarbeitet. Im Roman ‚Der Laden‘ arbeitete ebenfalls er ohne Scheu solche politischen Entscheidungen und Ereignisse ein, die sich nach Kriegsende in der Arbeit als Schriftsteller und Journalist in der DDR kaum vermeiden lassen.

Strittmatters Erzähltechniken gelten als volkstümlich, was in der DDR meist sehr kritisch gesehen wurde, und doch großen Anklang fand. Die sehr real wirkenden Erzählungen holen die Leserschaft mitten im Leben ab, verfälschen nichts und lassen die eigenen Erinnerungen wieder aufleben. In der Niederlausitz kennen viele ähnliche Familiengeschichten und es lässt sich eine emotionale Verbindung zwischen Esau Matt, seiner Familie und der eigenen Identität beim Lesen herstellen.

Für mich als Linguistin und Slawistin mit der Vorliebe für Niederdeutsch und Sorbisch ist dieser Roman eine Fundgrube an sprachlichen Daten. Strittmatter schreibt teilweise in einer Lausitzer Varietät bzw. Dialekt, den man kaum noch hört. Wer sich für Brandenburger Dialekte und das Niederdeutsche interessiert, der sollte mal reinlesen!

Außerdem verwendet Strittmatter auch sorbische Elemente, z.B. bei sorbische Ortsnamen wie Grodk/Spremberg oder Personennamen in sorbischer Form wie der Lehnigk-Nachbarn, der Jurko mit Vornamen heißt. Er schreibt nicht direkt auf Sorbisch, lässt aber mitunter einzelne Figuren Sorbisch grüßen oder beschreibt die sorbischen Lieder und Traditionen als Kulturgut der Menschen.

Diese sorbischen Einstreuungen zeigen ziemlich gut, wie dominant das Deutsche gegenüber dem Sorbischen ist, aber ohne das Sorbische würde die Erzählung nicht authentisch wirken. Die häufige Erwähnung der Sorben und ihre unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen im Vergleich zu den Deutschen ist ein sonst kaum in der Literatur zu findendes Element. Die jahrhundertelangen Konflikte werden immer wieder erwähnt, ohne eine Wertung zu beinhalten.

Die Trilogie wurde 1998 mit großem Erfolg verfilmt, auch wenn nicht alle Handlungsstränge des Romanes ausreichend Platz fanden. Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise. Strittmatter hat die Verfilmung leider nicht mehr miterlebt.

Quelle

Lutz, Bernd (Hrsg.). Metzler Autoren Lexikon. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart 1997

Strittmatter, Erwin. Der Laden. Aufbau, Berlin 1995//96/97

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