Pidgin und Kreol – Sprachen oder Kopien?

Allgemein gelten Pidginsprachen als Behelfssprache zwischen Menschen mit verschiedenen Muttersprachen. Sie zeichnen sich durch einen reduzierten und gemischten Wortschatz und eine vereinfachte Grammatik aus. Sie sind nur als Übergang „gedacht“, haben sich aber oftmals innerhalb von ein bis zwei Generationen zu einer neuen Muttersprache (Kreol) entwickelt.

Die Entstehung einzeln Pidginsprachen ist nicht immer genau geklärt. Die allgemeinen Forschungen gehen davon aus, dass hauptsächlich der Sklavenhandel der Ursprung der meisten Pidgins ist. Auch Handelsbeziehungen in Übersee förderten die Entstehung, da es zu Beginn kaum bzw. keine Übersetzer in Verhandlungsgesprächen gab und die meisten Gespräche nicht nur mit Gestik und Fingerzeigen möglich waren. Die in solchen Situationen entstandenen Handelspidgins (z.B. Russenorsk und baskisch-isländische Pidgin) wurde aber schnell von den Sprachen der Handelspartner abgelöst, da sie Übersetzer nutzten oder die Sprachen der Handelspartner selbst erlernten.

Anders sieht es bei den Pidginsprachen aus, die durch den Sklavenhandel entstanden, da im Unterschied zu den Handelspidgins keine gleichberechtigte Basis der Sprachen vorhanden war.

Die Kolonialmächte benötigten in ihren Kolonien viele billige Arbeitskräfte, die in den Kolonien nicht zu Verfügung standen. Ab 16. Jahrhundert setzte der systematische Handel mit Sklaven aus Afrika ein. Die Kolonialherren kauften in Afrika die Ware „Mensch“ ein, transportierten sie in die Kolonien (meist nach Amerika) und ließen sie auf riesigen Plantagen arbeiten.

Die Sklaven kamen aus verschiedenen Teilen Afrikas, vor allem West- und Zentralafrika. Dementsprechend sprachen viele unterschiedliche Sprachen, es gab ein großes Kommunikationsproblem zwischen ihnen. Außerdem war die Sprache des Sklavenbesitzers für sie unbekannt. Die Hauptsprachen der Plantagenbesitzer waren Englisch, Französisch, Niederländisch, Portugiesisch und Spanisch. Doch irgendwie mussten die Menschen miteinander kommunizieren.

Die Plantagenbesitzer waren nicht daran interessiert die Kommunikation zwischen den Sklaven zu verbessern. Die Hauptsache war, dass sie verstanden die Befehle der Aufseher verstanden. Schon beim Kauf der Sklaven wurde auf eine sprachliche Durchmischung geachtet, um möglichen Gruppenbildungen vorzubeugen und Aufstände zu verhindern.

Zwangsläufig mussten die Sklaven die Befehle und die grundlegenden Begriffe in der Sprache der Plantagenbesitzer und Aufseher lernen. Dazu kamen die zahlreichen afrikanischen Sprachen der Mitsklaven. Die Mischung der verschiedenen Sprachen ergab innerhalb kürzester Zeit eine eigene Form unter den Sklaven, die eine Verständigung im Alltag ermöglichte.

Für die Kinder der Sklaven gab es keine einheitliche oder gemeinsame Sprache. Aber sie benötigten eine, denn die ihrer Eltern waren meist unterschiedliche. Die erste Form der „neuen“ Sprache entstand aus dem Wortschatz der Sklavenhalter und Wörter und Alltagsphrasen der afrikanischen Sprachen, die die Sklaven sich untereinander beibrachten. Bis auf diese wenigen Wörter und Phrasen verloren die Sklaven ihre sprachliche Identität, wenn es keine gleichsprachigen Sklaven in ihrem Umfeld gab.

Der Wortschatz wurde von einer einfachen Grammatik begleitet, den die Sprecher oft aus ihren Muttersprachen übernahmen und somit nicht einheitlich war. Auch der Wortschatz speiste sich zunehmend aus dem der europäischen Sprachen, die Wörter der afrikanischen Sprachen wurden nach und nach ersetzt.

Verständlicherweise existieren kaum Aufzeichnungen über diese frühen Pidginformen. Welcher Plantagenbesitzer war schon an der Kommunikation seiner Sklaven interessiert und die Sklaven konnten nicht lesen und schreiben.

Die nachfolgenden Sklavengenerationen „hatten die Wahl“ zwischen zwei sprachlichen Möglichkeiten, um sich eine Muttersprache anzueignen. Entweder erwarben sie Kenntnisse in der Sprache der Sklavenbesitzer, also eine der europäischen Sprachen, was selten auf Muttersprachniveau geschah oder sie übernahmen die Pidginsprachen ihrer Eltern und Großeltern, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten. Diese weiterentwickelten Sprachen werden Kreolsprachen genannt.

Nun könnte man argumentieren, dass Kreolsprachen nur einfache Kopien europäischen Sprachen sind. Aber Kreolsprachen weisen Merkmale auf, die sie als eigenständig klassifizieren. Einige sind: Sprecher einer Kreolsprache können sich nicht mit Sprechern der Basissprache verständigen und umgekehrt. Die Grammatik der Kreolsprachen weist sprachtypologische Unterschiede zu den Kontaktsprachen auf. Oft gibt es phonologische Besonderheiten, die nicht in den Kontaktsprachen auftreten.

Im Gegensatz zu den Pidginsprachen hat sich die Forschung schon intensiver mit den Kreolsprachen und ihren Eigenschaften beschäftigt.

Kreolsprachen sind Sprachen mit einer vollständigen Grammatik und haben einen ähnlich großen Wortschatz wie andere Sprachen. Weiterhin haben sie immer eine Komponente, der der Wortschatz zugrunde liegt, meist europäisch (Ausnahmen gibt es aber!) und die Grammatik, die nicht immer eindeutig zu den Kontaktsprachen zugeordnet werden kann. Kreolsprachen bieten Menschen eine Muttersprache, Pidgins nicht. Diese Unterscheidung wird von vielen Sprachwissenschaftlern anerkannt. Einigkeit herrscht auch darin, dass jede Kreolsprache aus einer Pidginsprache entstanden ist.

Eine Frage, die noch nicht abschließend geklärt werden konnte, ist die nach der Entstehung der Grammatik dieser besonderen Sprachen. Viele Kreolsprachen (und auch einige Pidginsprachen, von den es Aufzeichnungen gibt) geben Hinweise darauf, dass bestimmte grammatische Strukturen naturgemäß von Sprechern bevorzugt werden, da nicht wenige Kreolsprachen grammatische Eigenschaften ausweisen, die weder von den europäischen noch von den anderen Kontaktsprachen stammen. Das würde für das Vorhandensein einer angeborenen Universalgrammatik sprechen (der Begründer der Theorie ist Noam Chomsky). Allerdings wird diese Theorie seit Jahrzehnten sehr kontrovers diskutiert, ein Ende ist nicht in Sicht!

In einigen Ländern der Welt haben sich Kreolsprachen zu Amtssprachen entwickelt. Bekannte Beispiele sind Tok Pisin in Papua-Neuguinea und das Haiti-Kreol. Es gibt zahlreiche Literatur von Kreolsprecher*innen in ihrer Muttersprache, sie werden als Schul- und Verwaltungssprachen genutzt. Das alles zeigt, dass eine Sprache nicht alt sein muss, um als eigenen Sprache wahrgenommen und verwendet zu werden!

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