Deutsche Sprachinsel in Brasilien

Dass es Millionen deutsche Auswanderer nach Nordamerika, besonders in die USA, zog, ist weit bekannt. Doch was ist mit Südamerika? Auch hierher wanderten ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts zehntausende Menschen aus.

Südamerika war für Auswanderer sehr attraktiv, denn hier konnten sie nicht nur ein neues Leben beginnen, sondern auch ihre Sprache und Kultur pflegen und erhalten. Vor allem Brasilien war als Auswanderungsland beliebt.

Erste Siedlungen gründeten deutsche und schweizerische Auswanderergruppen 1818 im heutigen Bundesstaat Santa Catarina. Die meisten Siedler stammten aus dem Hunsrück, aber auch aus Pommern und Westfalen. Die Siedlungen entstanden in Gebieten, die vorher kaum besiedelt waren. Die Siedler erhielten von der Regierung große Flächen zur Bewirtschaftung und blieben in diesen Siedlungen weitestgehend unter sich. Mit der Zeit kamen viele Menschen aus allen Teilen des deutschsprachigen Raumes nach Brasilien, was man gut an deutschen Ortsnamen wie Blumenau oder Fraiburgo erkennt. Die Mehrheit der Siedler stammte, nach den Zahlen der Kolonialgesellschaft, aus dem Hunsrück und Umgebung.

Schnell erzielten die Siedler Erfolg in der Landwirtschaft und versorgten sich autark, dank moderner landwirtschaftlicher Methoden. Großen Wert legten die deutschen Siedler auf die Bildung, es entstanden schnell Schulen. Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen erhielten ihre Kinder eine solide Schulbildung nach dem Vorbild der Heimat. Zahlreiche Vereine, Zeitungen und Kulturorganisationen gründeten sich. Die Besiedlung breitete sich entlang der Flüsse ins Landesinnere aus, viele deutschen Dialekte trafen aufeinander. Nicht nur aus dem deutschen Raum wanderten Deutschsprachige nach Brasilien aus, auch Wolgadeutsche zog es vermehrt hierher. In den 1880/90er Jahren ließen sich 30% der deutschen Auswanderer in Südamerika nieder.

Der Erste Weltkrieg ließ die deutschsprachige Kultur stagnieren, Unterricht in deutscher Sprache und deutschsprachige Vereine wurden verboten. Nach dem Krieg wurden diese Verbote zwar wieder aufgehoben, aber der stetige Assimilationsdruck wuchs. Im Laufe der Jahre mischten sich andere Gruppen wie Italiener, Polen etc. unter die bis dahin sehr homogene deutsche Bevölkerung und bewirkte eine zunehmende Verwendung der Amtssprache Portugiesisch als Verkehrssprache.

Eine weitere Auswanderungswelle nach Brasilien war die Zeit kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit rund 100.000 Menschen, wobei die meisten deutschen Auswanderer jüdischen Glaubens waren. Wieder einmal erlebten die Deutschstämmigen Verbote von Zeitungen, Schulen und ähnliches. Dies betraf aber auch Menschen mit anderen europäischen Wurzeln. Die brasilianische Regierung unter Vargas arbeitete an einer stetigen Homogenisierung der Bevölkerung. Selbst das Sprechen der deutschen Sprache stand ab 1942 unter Strafe. Die politische Lage im und nach dem Zweiten Weltkrieg zwang viele Deutschsprachige zur Assimilation. Der fehlende Schulunterricht und das Publikationsverbot führte dazu, dass die deutsche Sprache nur mündlich, vermehrt in Dialektvarietäten, weitergegeben werden konnte und zudem stark an Prestige verlor.

Ab den 1950 verbesserte sich die Situation für das Deutsche durch die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland. Verbote wurden schrittweise aufgehoben und der Deutschunterricht ab 1961 wieder eingeführt (als Fremdsprache).

Wie viele deutschstämmige bzw. deutschsprachige Menschen es heute in Brasilien gibt, kann nur geschätzt werden. Untersuchungen von 1990 gehen von ca.3,5 Millionen Deutschstämmigen und etwa 1,4 Millionen deutsch Sprechenden aus. Die Deutschkenntnisse sind unterschiedlich ausgeprägt, oft mit vielen Entlehnungen aus dem Portugiesischen. Die Hauptvarietät ist bis heute das Riograndenser Hunsrückisch, eine Mischung des deutschen Dialektes mit Einflüssen anderer deutscher Dialekte und Einwanderersprachen. Im öffentlichen Leben überwiegt zwar das Portugiesische, aber Umfragen ergeben eine breite Verwendung des Deutschen, besonders im Dialekt, als Familiensprache.

Die kulturelle Vielfalt Brasiliens trägt in einigen südlichen Regionen deutliche deutsche Züge, gemischt mit vielen anderen Einflüssen. Die Geschichte der Menschen mit europäischen Wurzeln erklärt die hohe Akzeptanz und verstärkt die Bemühungen die Kultur und Sprache der Herkunftsländer zu erhalten. Deutschland fördert den Austausch und die kulturelle Verständigung, nicht nur in Brasilien, sondern in allen Teilen Südamerikas mit deutschstämmigen Gruppen. Typische Institutionen wie das Goethe-Institut sind besonders im Süden Brasiliens vertreten.

Viele Schüler*innen lernen im Süden Brasiliens Deutsch als Fremdsprache in der Schule, auch diejenigen, die zu Hause Dialekt sprechen. Jedoch ist Englisch als erste Fremdsprache stärker vertreten. Das Auswärtige Amt hat in seinen Befragungen festgestellt, dass das Interesse am Deutschen, v.a. als Fremdsprache, in Brasilien zunimmt. Welche Perspektiven das Riograndenser Hunsrückisch als ‚alte‘ Varietät in Zukunft in Brasilien spielt, ist bisher nur unzureichend untersucht und hängt stark von einer verbesserten Prestigepflege ab.

Quelle

Plewnia, Albrecht & Riehl, Claudia Maria. Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Übersee. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, Tübingen 2018

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