
In meinem Bachelor – Studium war die Dialektologie eins der spannendsten Bereiche, denn es gab einfach so viel zu entdecken!
Jede Sprache besitzt Dialekte, manche mehr, manche weniger. Seit Georg Wenker ist die Dialektologie ein Forschungsfeld der deutschen Sprachwissenschaft und wird es wahrscheinlich immer sein. Die Sicht auf Dialekte ist sehr individuell und oft spiegelt die subjektive Meinung Einzelner nicht das Bild wider, das die Wissenschaft zeigt.
In den 2000er Jahren gab es mehrere große Untersuchungen zur Wahrnehmung deutscher Dialekte, die mehr als 30.000 Befragte umfasst. Die 2 großen Fragen waren: Welche sprachlichen Kompetenzen (Sprachen sowie Dialekte) weisen die Befragten auf und wie bewerten sie Dialekte und Sprachen allgemein.
Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an einen Dialekt zu sprechen, wobei die Kompetenz von Süd nach Nord auf kollektiver Ebene abnahm. Auch die Selbsteinschätzung über den Kompetenzgrad sollten die Befragten angeben. Die Mehrheit gab an den Dialekt besser zu verstehen als zu sprechen, aber weniger als die Hälfte verwendet ihn im Alltag. Die Autor*innen der Untersuchungen konnten anhand der Zahlen die oft propagierte Ansicht des Dialektsterbens widerlegen.
Im zweiten Teil der Untersuchung wurde eine Art Ranking erstellt, welche Dialekte und Sprachen als sympathisch bzw. unsympathisch empfunden wurden. Die Erhebung erfolgte durch offene und geschlossene Fragen, dessen Antworten dann zusammengefasst wurden. Die Befragten gaben an, dass sie norddeutsche Dialekte sowie das Niederdeutsche am sympathischsten wahrnehmen, gefolgt von Bayrisch. Wenn man sich die Zahlen der dialektsprechenden Gruppen anschaut, ist das etwas verwunderlich, weil sich die Zahl der jeweiligen Sprecher*innen nicht mit den ‚Sympathiezahlen‘ deckt. Die Befragten bewerteten ihren eigenen Dialekt, wenn sie einen angaben, als sympathischsten, was nicht verwundert, dem norddeutschen Dialekten aber ein scheinbar positiveres Image gibt. Der unsympathischste Dialekte war mit großem Abstand Sächsisch, was sich in der öffentlichen Meinungen zu Dialekten oft widerspiegelt. Bei diesen Bewertungen spielen viele Faktoren wie Sprachstereotypen und sozialen Zuschreibungen zu tun, sind also immer mit Vorsicht zu interpretieren. Interessant ist, dass Hochdeutsch von der großen Mehrheit als durchweg sympathisch angesehen wurde, unabhängig von ihrer Einstellung zu anderen Dialekten.
Aus den Untersuchungen konnten die Wissenschaftler*innen neue Daten gewinnen, die nicht mit der allgemeinen öffentlichen Meinung über Dialekte zusammenpassen. Große Bevölkerungsgruppen haben gute Dialektkompetenzen, auch wenn sie sie im Alltag nicht immer verwenden. Das betrifft interessanterweise alle Dialektgebiete, anders als in der allgemeinen Wahrnehmung, dass der Süden Deutschland stärker dialektgeprägt sein. Gab eine befragte Person an einen Dialekt zu sprechen, war der Kompetenzgrad unabhängig von der Sprachregion, was ebenfalls gegen eine höhere Verbreitung im Süden spricht.
Zeitgleich zu den Fragen nach den Dialekten wurde auch noch die Einstellung und Wahrnehmung zu anderen Sprachen abgefragt, wobei die Ergebnisse hier keine Überraschung waren. Westeuropäische Sprachen wie Englisch, Italienisch und Französisch wurden eher positiv bewertet, während Sprachen wie Russisch, Türkisch und Arabisch eher negativ bewertet. Hier hat sich vor allem das Ranking der negativ bewerteten Sprachen in Hinblick auf die Vergrößerung der Migrationszahlen der jeweiligen Sprachen verändert.
Die Daten und Ergebnisse geben einen aktuellen Einblick, sind aber vor allem ein subjektives Bild der Befragten. Die Spracheinstellung der Menschen, egal ob sie einen Dialekt sprechen, sind bundesweit ähnlich, sodass auch das Stereotyp einiger besonders negativ eingestellter Regionen nicht zutreffend ist. Anders stellt sich das Bild bei anderen Sprachen dar, wobei hier noch mehr Faktoren für die Bewertung eine Rolle spielen.
Hast du einen Lieblingsdialekt oder eine Lieblingssprache?
Quellen
Hundt, Markus; Kleene, Andrea; Plewnia, Albrecht & Verena Sauer (Hrsg.). Regiolekte. Objektive Sprachdaten und subjektive Sprachwahrnehmung. Narr 2020
Niebaum, Hermann & Jürgen Macha. Einführung in die Dialektologie des Deutschen. Berlin. Walter de Gruyter GmbH 2014
