
In Polen sind Legenden sehr beliebt und schon die Kleinsten kennen sie. Eine der bekanntesten ist die Gründungslegende der Piastendynastie, benannt nach ihrem Stammvater: Piast. Er soll im 9. Jahrhuntert gelebt haben.
Das erste Mal aufgeschrieben wurde die Legende, von einem Mönch, Gallus Anonymus, in einer Chronik aus dem Jahr 1112. Darin beschreibt er, dass in Gniezno (dt. Gnesen) ein Fest des dortigen Herrschers Popiel stattfindet. Zwei Pilger, die am Fest teilnehmen wollen, werden von den Wachen des Popiels abgewiesen und verjagt. Auf ihrem Weg kommen sie an dem Haus des Bauern Piast und seiner Frau Rzepa vorbei, der die Pilger in sein Haus einlädt und bewirtet, obwohl er sehr arm ist. Das Festmahl und auch die Getränke gehen auf wunderliche Weise nicht aus, sodass Piast erkennt, dass die Pilger keine gewöhnlichen Menschen sind, sondern von Gott ausgesandte Engel, soweit zumindest die häufigste Interpretation. Sein selbstloses Handeln wird als Beweis gesehen, dass Piast der wahre Herrscher Polens sei.
In einer Chronik von Jan Długosz aus dem 15. Jahrhundert heißen die beiden Pilger Johannes und Paul, was auf christliche Elemente der Legende hinweisen, da die Polen bis dahin keine Christen waren. Ein Unterschied zum Chronik von Gallus Anonymus ist die Wahl von Piast zum polnischen König durch das Volk, nachdem der vorherige Herrscher Popiel verjagt wurde. Hier finden sich in Piast und Popiel die typische Dichotomie von Gut und Böse bzw. christliche und unchristliche Eigenschaften. Piast verkörpert in der Legende einen guten Menschen, der hart arbeitet und ehrlich ist. Und auch das Ideal der Familie, das in Polen bis heute einen großen Stellenwert besitzt, erfüllt ein heiliges Ziel, die Weiterführung der Dynastie.
Piast wird zum neuen Herrscher, in machen Quellen auch erst sein Sohn Siemowit, und gründet die Piasten-Dynastie. Seine Nachfahren herrschen unter anderem über Schlesien und Klein-Polen.
Ob die historische Figur Piast wirklich lebte, wird heute von vielen Historiker*innen bezweifelt. Der erste belegte Herrscher aus dem Piastengeschlecht war Mieszko I, der sich 966 als erster Herrscher Polens taufen ließ und damit die Christianisierung seines Reiches vorantrieb. Die Blutlinie der Piasten spaltet sich im 12. Jahrhundert in mehrere Linien, die aber nach und nach erloschen, zuletzt das Haus von Liegnitz-Brieg-Wohlau im 17. Jahrhundert.
Quellen
Nowak, Andrzej. Die Geschichte Polens. Band 1, Bis 1202 : woher wir stammen. 2023
Mühle, Eduard. Die Piasten : Polen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck. München 2011
