
Als ich meine Bachelorstudium (Slawische Sprachen und Literaturen und Germanistische Linguistik) begann, wurde ich fast immer gefragt wie viele Sprachen ich denn spreche bzw. nach dem Studium dann fließend könne. Ein sprachwissenschaftliches Studium suggeriert scheinbar eine damit einhergehende Mehrsprachigkeit.
Mit der Frage nach der Mehrsprachigkeit stellt sich gleich die nächste: Sind alle Sprachwissenschaftler*innen mehrsprachig bzw. sprechen mehrere Sprachen? Die Antwort ist recht simple: Nein!
In der Sprachwissenschaft geht es um die Analyse sprachlicher Strukturen, d.h. um die Art und Weise wie Sprachen funktionieren. Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Person, die sich mit Sprachstrukturen bestimmter Sprachen beschäftigt, diese Sprachen auch spricht bzw. versteht. Für Außenstehende wirkt es wahrscheinlich befremdlich Sprachstrukturen einer Sprache zu beschreiben, ohne die Sprache selbst zu verstehen. In der Welt der Linguistik ist das aber kein Widerspruch.
Ein sprachwissenschaftliches Studium ist kein reines Sprachenlernstudium. Das könnte im Extremfall heißen, dass die Person nach dem Abschluss nur eine Sprache, nämlich ihre Erstsprache, spricht. Vorstellbar ist das z.B. im englischsprachigen Raum, weil die meiste wissenschaftliche Literatur auf Englisch veröffentlicht wird.
In den meisten Studiengängen, die sprachwissenschaftlich ausgerichtet sind, sind Sprachkurse ein Pflichtanteil. Ich habe in meinem Studium unter anderem Polnisch, Tschechisch und Ukrainisch gelernt.
Praktisch gesehen ist Einsprachigkeit unter Sprachwissenschaftler*innen kaum zu sehen. Ich selbst kenne niemanden, der nur seine Erstsprache spricht. Das hat erstens praktische Gründe, denn wie schon erwähnt, ist Englisch heute die linguistische Verkehrssprache und Artikel werden so gut wie nie übersetzt, egal aus welcher Sprache. Außerdem, das ist für mich der ausschlaggebende Grund, sind Sprachwissenschaftler*innen generell an Sprache interessiert, auch sie zumindest in Teilen zu lernen. Das kann, muss aber nicht die Sprache sein, die jemand untersucht. Meiner Meinung nach ist jede Sprache erlernenswert, aber Faktoren wie Zeit und verfügbare Lernmaterialien sind oft eine Hürde. Die klassischen Kenntnisse wie Sprechen oder Hörverstehen einer Sprache, die man untersucht, reichen ohne aktives Lernen selten über Grundkenntnisse hinaus, während die Kenntnisse über z.B. das Tempussystem oder den Satzbau weit über das hinausgehen, was in einem Sprachkurs vermittelt werden kann.
Mehrsprachigkeit ist in der Welt die Regel, Einsprachigkeit die Ausnahme. Aber sich mit Sprachen auseinanderzusetzen, muss keine Sprachkenntnisse beinhalten. Dieser Fakt macht für mich ein sprachwissenschaftliches Studium so interessant. Obwohl ich ein Mensch bin, der gerne (fast) alle Sprachen lernen möchte, eine Eigenschaft, die viele Sprachwissenschaftler*innen in ein akutes Zeitdefizit bringt.
In welchem Studium braucht man keine Fremdsprachen? Oder wo sind sie besonders wichtig? Schreib deine Meinung in die Kommentare!
