
Bis ins 17. und 18. Jahrhundert stellte der Landadel knapp 10% der Bevölkerung Polens, was das Verständnis der Polen und eine ganze Kulturströmung prägte, den Sarmatismus.
Der polnische Adel, im Polnischen Szlachta genannt, genoss im Königreich Polens und in der daraus entstandenen Adelsrepublik zahlreiche Privilegien wie das Liberum veto, das jedem Abgeordneten im Sejm die Möglichkeit bot eine Gesetz zu verhindern. Viele Adlige lebten ein ruhiges Leben auf den Gutshöfen und kamen nur für Sitzungen in die Stadt.
Die Legitimation des Adels beruhte auf der Idee einer Abstammung von sarmatischen Stämmen, einem antiken Volk, deren Erwähnung sich unter anderem bei Herodot findet. In der Chronik von Gallus Anonymus wird Sarmatien als Herkunft der Slawen aufgeführt, daraus leiteten die Adligen einen Herkunftsmythos ab, der ihre Abstammung mit der Antike verknüpfte. Dass der Begriff nicht klar definiert werden kann, erlaubt eine Anspruchshaltung durch eine gewisse Exklusivität. Inwiefern eine Abstammung faktisch vorlag, war nicht von Bedeutung.
Die Adelskultur in Polen verband sich mit dem alltäglichen Leben der Menschen und prägte den Lebensstil, die Kleidung und die Literatur.
Auf Gemälden aus der Zeit sieht man den Adel in prächtigen Kleidern mit orientalischen Elementen, z.B. bei den Stickereien oder Stoffmustern. Die Männer trugen orientalische Kopfbedeckungen mit Federn, Umhänge mit Pelz und Säbel, nicht als Waffe sondern als schmückendes Element. Die gestiegene Nachfrage auf solche Waren steigerten auch die eigene Produktion in Polen, meist weniger qualitativ, dafür für viele erschwinglich.
Auch in der Architektur hinterließ der Sarmatismus deutliche Spuren. Die Herrenhäuser auf dem Land wurden nach antiken Vorbildern mit Säulen ausgestattet, die Räume wurden mit Wandteppichen und anderen Dekorationen geschmückt. Viele dieser Herrenhäuser sind noch heute in Polen zu finden, oft als Museen.
Die polnische Literatur, vor allem des Barockes, profitierte von der Belesenheit und Bildung vieler Adliger. Es entstanden Adelsplaudereien, polnisch gawęda szlachtecka, die das Leben auf dem Gut und Beschreibungen der politischen Arbeit eines Adligen umfassen. Das Leben auf dem Land wird idyllisch und familiär beschrieben, der Alltag ist das Hauptthema.
In der Zeit der Aufklärung wandelt sich das Ideal des sarmatischen Polen. Er wird eher als rückständig und wenig gebildet wahrgenommen. Auch die Politik, an der die Adligen maßgeblichen Anteil haben, ist durch die bestehenden Strukturen und Privilegien kaum handlungsfähig und Polen verliert seine Souveränität für mehr als 100 Jahre.
Rückblickend könnte man sagen, dass die Szlachta und der Sarmatismus einen überidealisierten Kontrast zum Leben der einfachen Bevölkerung darstellt, deren Weiterführung unter den politischen Ereignissen nach den polnischen Teilungen keine Zukunft mehr hatte.
Quellen
Bömelburg, Hans-Jürgen. Sarmatia, Sarmaten, Sarmatismus- Traditionslinien der polnischen Kulturgeschichte. In: Tür an Tür Polen-Deutschland 1000 Jahre Kunst und Geschichte. Köln : DuMont [u.a.] 2011
Faber, Martin: Sarmatismus. Die politische Ideologie des polnischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Wiesbaden 2018
