
Lesen und Schreiben sind für die meisten Menschen in Deutschland alltägliche Fähigkeiten, über die wir kaum nachdenken. Aber es gibt nicht wenige Menschen, die trotz Schulbesuch und sogar mit Schulabschluss nicht richtig lesen und schreiben können. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in Deutschland bis zu 6 Millionen Menschen Analphabeten sind, das sind ca. 12% der Bevölkerung. Weltweit liegt die Analphabetenrate bei etwa 25%, die einzelnen Länder weisen hier große Unterschiede auf.
Analphabetismus ist ein riesiges Tabu in unserer Gesellschaft und daher versuchen die Betroffenen alles, damit ihre fehlenden Fähigkeiten nicht auffallen. Mitunter entwickeln sie komplexe Strategien und ihre Mitmenschen bemerken das Problem über eine lange Zeit nicht. Es werden zwei Arten von Analphabetismus unterschieden: natürlich und funktional.
Der natürliche Analphabetismus findet man bei Menschen, die keine Schule besucht haben. Das betrifft vor allem Länder ohne Schulpflicht oder wo Kinder aus anderen Gründen nicht zur Schule gehen.
Beim funktionalen Analphabetismus haben Menschen durchaus eine Schule besucht, aber trotzdem nicht ausreichend Lese- und Schreikompetenz aufgebaut. Viele können zwar ihren Namen schreiben und vielleicht einzelne Wörter lesen, aber im Großen und Ganzen fehlen ihnen die Fertigkeiten. Damit können sie vielleicht leichte Texte lesen, was aber bei Weitem nicht für den Alltag oder Beruf reicht.
In Deutschland, gemeint ist hier Preußen, gilt seit Anfang des 18. Jahrhunderts eine Verordnung, um die Bevölkerung zu bilden. Das wurde jedoch nicht streng durchgesetzt und war für vor allem für die Landbevölkerung nicht immer möglich. Trotzdem stiegt die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchten, auf ca. 70%. Seit Einführung der Schulpflicht in Deutschland auf Verfassungsebene 1919 hat sich die Rate der Analphabeten weiter verringert.
Die Vorstellung, dass Menschen trotz Schulbesuch nicht richtig lesen und schreiben können, wurde lange Zeit nicht öffentlich diskutiert. Es galt und gilt als großes Tabu in der Gesellschaft, repräsentative Daten sind kaum zu erheben. Daher fehlen oft auch geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation.
Zwar gibt es Kurse für Erwachsene, die aber mit einer sehr heterogenen Teilnehmerschaft zurechtkommen müssen und deren Besuch für die Menschen mit erheblicher Scham behaftet sein kann. Die Wahrscheinlichkeit als Analphabet*in in Armut zu leben, ist um ein Vielfaches höher als bei anderen, denn in unserer hochtechnologischen Welt sind Lese- und Schreibkompetenzen unverzichtbare Bestandteile der Arbeitswelt. Die Aufgabe der Gesellschaft ist damit klar: Alle Menschen brauchen uneingeschränkten barrierefreien Zugang zur Bildung, um ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen zu erwerben. Das ist ein Grundrecht!
Quellen
Dürscheid, Christa. Einführung in die Schriftlinguistik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016
Nicken, Sven. Funktionaler Analphabetismus – Ursachen und Lösungsansätze hier und anderswo. Uni Bremen https://elib.suub.uni-bremen.de/publications/ELibD890_Nickel-Analphabetismus.pdf
