
Sprachinseln sind Schätze für Wissenschaftler*innen aus verschiedensten Fachbereichen wie der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaft. Sehr bekannt sind große Sprachinseln in den USA oder Asien, was oft durch Einwanderung zur Erschließung scheinbar unbewohnter Gebiete zu erklären war. In Europa entstanden zahlreiche Sprachinseln, auch eine, die man nicht unbedingt erwartet: Polonezköy, eine polnische Sprachinsel mitten in der Türkei!
Polonezköy, polnisch Adampol, liegt im Nordosten der heutigen Türkei, in der Nähe von Istanbul. Das Dorf wurde 1842 von Fürst Adam Jerzy Czartoryski gegründet. Die Siedler waren allerding keine Bauern oder Handwerker, sondern ehemalige Soldaten, die nach dem Krimkrieg nicht in ihre Heimat zurückkehrten. Die Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts machten es vielen Polen schwer dort in Freiheit zu leben. Auch die Beteiligung an den Novemberaufstand 1830/31 schloss eine Heimkehr aus. Sie suchten eine neue Heimat, in der sie ihre Sprache und Traditionen weiterleben konnten.
Der polnische Name des Dorfes, Adampol, ist wahrscheinlich nicht zu Ehren des polnischen Dichters Adam Mickiewicz gewählt worden, der ähnlich wie die Menschen des Dorfes im Exil lebte, sondern nach dem Gründer Fürst Adam Jerzy Czartoryski. Das gute Verhältnis der Polen und Türken und der günstige Erwerb der Ländereien hing mit den politischen Spannungen zwischen Russland und den Türken zusammen. Das polnische Dorf galt als Symbol der polnisch-türkischen Freundschaft.
Die Siedler bauten das Dorf nach polnischem Vorbild auf und betrieben dort Landwirtschaft. Es gab typisch polnische Fachwerkhäuser, eine katholische Kirche mit Friedhof und viele Obstgärten. Als Christen konnten die Bewohner*innen Schweine züchten und verkaufen, was sie von den muslimischen Nachbarn unterschied. Der Bedarf an Schweinefleisch war, dank vieler Nichtmuslime in der Region und in Istanbul, groß, sodass das einer der wichtigsten Einkommensquellen für die Menschen von Polonezköy war.
Viele der Menschen sprachen polnisch, aber auch andere Sprachen wie Tschechisch waren zu hören. Kurz nach der Gründung der Siedlung öffnete eine polnische Schule, um den nachfolgenden Generationen die polnische Sprache und die Verbundenheit zur Heimat zu vermitteln.
Die polnischen Traditionen, unter anderem das Tragen polnischer Trachten, die Begehung katholischer und polnischer Feiertage, werden intensiv gepflegt. Im Laufe der Zeit kamen viele Touristen aus den Städten nach Polonezköy, um die „exotische“ Kultur zu erleben. Nebenbei verdienten die Bewohner*innen auch gutes Geld mit Kunsthandwerk, vor allem mit Holzfiguren und Schmuck.
Mehrmals im Jahr finden heute Kulturfestivals statt, bei denen die Besucher*innen Trachten, Tänze und Leckereien genießen können. Die polnischen Traditionen sind bis heute lebendig.
Einzig die Verwendung der polnischen Sprache lässt seit einigen Jahrzehnten nach. Von den knapp 400 Einwohner*innen sprechen nur noch ein Drittel Polnisch.
Hättest du eine polnische Sprachinsel in der Türkei erwartet?
Quellen
Łątka, Jerzy. Adampol. Polska wieś nad Bosforem, wyd. I Kraków 1981, wyd. II Kraków 1992
Tenże. Adampol- Polonezkoy (1842-2010). Dzieje i kulturowe przeobrażenia polskiej osady nad Bosforem, Szymbark 2010.
https://web.archive.org/web/20181024014053/http://www.polonezkoy.com/pl
