Märchen – Ein Fall für die Geschichtsbücher?

Für mich gehören Märchen zu den frühesten Erinnerungen meiner Kindheit. Ein in rotes Leder gebundenes Buch mit allerlei schaurigen oder manchmal auch lustigen Geschichten, aus dem meine Mutter mir oft vorlas. Nicht jedes Märchen findet bei jedem Anklang, es ist immer Geschmackssache. Aber es ist für jeden etwas dabei!

Heutzutage sind Märchen nicht mehr so präsent in den Bücherregalen der Kinder. Die schiere Flut an tollen Kinderbüchern macht die Auswahl schwer und wer sich als Kind nicht sonderlich für Märchen interessiert hat, wird sie wahrscheinlich auch seinen Kindern nicht vorlesen.

Schon der Umfang und die Verschiedenartigkeit der Märchen ist gigantisch! In Deutschland stehen die gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm unangefochten an der Spitze. Jacob und Wilhelm wanderten durch die deutschen Lande und sammelten allerlei Märchen, die sie 1815 zu einer Sammlung zusammenstellten. Vorher wurden Märchen hauptsächlich mündlich vom einfachen Volk weitergegeben, aber schon vor den Gebrüdern Grimm gab es Bestrebungen diese kleinen Schätze auszuschreiben.

Ähnlich wie die Sammlung der Grimms schuf auch Johann Karl August Musäus in der 1780er Jahren eine große Sammlung „Volksmärchen der Deutschen“. Der Begriff ‚Deutsch‘ sollte nicht mit heutigen Maßstäben gemessen werden. Musäus hat auch Märchen aus Böhmen und Mähren aufgeschrieben, die damals durchaus auch deutschsprachig waren. Die Geschichten über Rübezahl aus Böhmen haben mir oft Freude bereitet. Es wäre doch sehr schade sie nicht zu kennen!

Auch der Ablauf des Märchens folgt einem bestimmten Erzählschema. Es passieren Dinge, die es im echten Leben nicht gibt (sprechende Tiere, Verwandlungen in ein Tier, Geisterwesen, …). Und meistens erleben die Helden*innen der Geschichte ein Happyend, weil sie Gutes tun und/oder reinen Herzens sind.

In den Märchen tauchen immer die Gegensätze von Gut und Böse auf. Die Charaktere kann man eindeutig dem Bösen (alte Hexen oder Zauberer, böse Schiegermütter, böser Wolf etc.) oder dem Guten (der tapfere Prinz, die liebliche Prinzessin usw.) zuordnen.

Diese ersten gesammelten Märchen sind ursprünglich keine Kindermärchen gewesen. Die Erwachsenen erzählten sich diese schaurigen, mitunter blutrünstigen Geschichten abends, wenn die Kinder im Bett waren. Mit der Zeit adaptierte man sie so weit, dass sie auch für Kinderohren geeignet waren. Jetzt fragt sich der ein oder andere (zurecht) inwiefern man Märchen wie zum Beispiel „Die sieben Geißlein“ oder „Schneewittchen“ als geeignet für Kinder bezeichnen kann!

Um es mal vorsichtig zu sagen: Die Idee von dem, was ein Kind braucht oder hören sollte, war früher etwas anders! Man erzählte sich diese Märchen nicht nur zum Zeitvertreib, sie wurden auch zu erzieherischen Zwecken genutzt. Der allgemeine Aberglaube und die Angst vor dem Bösen waren tief in den Menschen verwurzelt und Erzählungen dieser Art fielen auf fruchtbaren Boden. Gewaltdarstellungen und Bestrafungen aller Art waren früher nicht ungewöhnlich, manchmal sogar als abschreckendes Beispiel erwünscht. Wenn man seinem Kind erzählte, was mit Rotkäppchen geschah und es danach auf den Weg zum Einholen schickte, konnte man schon ziemlich sicher sein, dass es auf dem Weg blieb!

Was lernt ein Kind daraus? Sei schön brav, hör auf die Erwachsenen, dann passiert dir nichts! Ja, das war die Vorstellung wie sich ein Kind damals zu verhalten hatte. Und ja, manchmal hilft auch im Märchen nur rohe Gewalt oder List, um das Böse zu besiegen! Das entspricht nicht mehr so richtig unserer Vorstellung eines sozialen Miteinanders. Also liest man Märchen nicht mehr, in abgespeckter Form, greift lieber auf kinderfreundliche Märchen (aus jüngerer Zeit) oder Geschichten ohne Gewaltbeschreibungen zurück.

Auch die stereotype Rollenverteilung der Geschlechter ist heute definitiv nicht mehr zeitgemäß.  Vielleicht ist auch das bei heutigen Eltern ein Argument gegen klassische Märchen?

Wobei: Was ist mit der offensichtlich alleinerziehenden Geißenmutter, die sechs ihrer Geißlein ohne Furcht aus dem Bauch des Wolfes schneidet? Hut ab vor dieser couragierten Mutter! Oder die Moral aus dem Märchen „Die große Rübe“? Wenn alle zusammenarbeiten, kann man sein Ziel erreichen!

Wie so oft ist auch das Thema ‚Märchen‘ nicht nur schwarz oder weiß! In unserer sich wandelnden Gesellschaft, ist es häufig verpönt klassische Literatur, die nicht den Normen der heutigen Zeit entspricht, vorzulesen. Die Kinder könnten ja eine falsche Wertevorstellung bekommen! Ich bin mir nicht sicher, ob das der wirkliche Grund ist. Die Beschäftigung und der Umgang mit kritischer Literatur sollten Kinder befähigen die Welt kritisch zu betrachten! Das Erkennen von Richtig und Falsch ist ein Entwicklungsschritt, den wir Heranwachsenden nicht vorenthalten sollten, in dem wir ihnen verbieten Geschichten zu lesen, die genau das aufzeigen!!!!

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