Latein – eine „tote“ Sprache

Als alte oder klassische Sprache gelten bei uns Sprachen, die heute keiner mehr spricht. Doch stimmt das wirklich? Oder leben diese Sprache in anderen weiter? Bei der wahrscheinlich bekanntesten ist es definitiv so: Latein.

Die lateinische Sprache gehört zur großen Familie der indoeuropäischen Sprachen und wurde ursprünglich in der Region Latium im heutigen Italien gesprochen. Es verbreitetet sich dann mit der Erstarkung und der Ausdehnung des Römischen Reiches über halb Europa, Nordafrika, der Türkei bis zum Kaspischen Meer, wobei es vor allem als Verkehrssprache genutzt wurde und die einheimischen Sprachen nicht verdrängte, sondern beeinflusste.

Bis in die Neuzeit war Latein die Sprache der Gelehrten, Pflichtfach in den Schulen und die Sprache der katholischen und evangelischen Kirche. Bis vor kurzem war Latein die erste Amtssprache des Vatikans, wodurch die besondere Stellung der Sprache betont wurde.

Linguistisch wird Latein dem italischen Zweig innerhalb der indoeuropäischen Familie zugeordnet, also Sprachen der Italienischen Halbinsel und Sizilien, zu der z.B. Umbrisch und Vestinisch gehören. Lateins ist, wie viele indoeuropäische Sprache, eine flektierende Sprache.

Das Lautinventar ähnelt dem Deutschen, vor allem die Vokallängen sind deutschen Sprecher*innen vertraut, ähnlich wie die Silbenstruktur. Bei der Betonung gibt es keine eindeutigen Belege, es wird von einem silbenabhängigen Akzent ausgegangen.

Die bei den Lernenden gefürchtete Grammatik ist zwar umfangreich, jedoch nicht komplexer als in vielen anderen Sprachen der indoeuropäischen Familie: 3 Genera, 2 Numerus und 7 Kasus, dazu eine ausgeklügelte Verbkonjugation.

Die Wortstellung ist weitgehend frei, weil die starke Flexion die Beziehung der Satzglieder zueinander anzeigt. In dieser Hinsicht unterschiedet sich Latein vom Deutschen oder Englischen, wo die Stellung im Satz vielen Regeln unterliegt. Lernende müssen sich in dieses System der relativ freien Wortstellung erst hineindenken. Es lässt aber viel Raum, um in der klassischen Literatur interessante Effekte der Informationsstruktur zu erzeugen.

Lateinische Dialekte sind nur wenig erforscht, es wird aber viele gegeben haben, da jede Sprache Varietäten besitzt. Da meist nur die Hochsprache verschriftlicht wurden, gibt es aber kaum Quellen.

In den modern Sprachen tummelt sich die lateinische Sprache, oft unbewusst und doch offensichtlich. Die Verwandtschaft der romanischen Sprachen mit dem Lateinischen ist so gut wie allen klar, aber auch Deutsch, Englisch, Polnisch usw. weisen einen großen gemeinsamen Wortschatz auf, der aus dem Lateinischen kommt. Das liegt unter anderem an dem Einfluss der Römer auf viele Gebiete Europas, aber auch an der Christianisierung und der Macht der Kirche, deren Hauptsprache Latein war.

Latein zu lernen, wird heute oft als verstaubt und altmodisch angesehen. Aber es ist wie ein Spiegel in unsere Geschichte und Sprachen, auch wenn wir Latein nicht im Alltag sprechen. Ich habe Latein erst als Erwachsene gelernt, weil mir in der Schule die Möglichkeit fehlte. Und da meine Vorliebe für Sprachen und Grammatik auch erst als junge Erwachsene so richtig durchgebrochen ist, musste ich das unbedingt nachholen.

Hast du in der Schule Latein gelernt? Empfandest du es als Bereicherung?

Quellen

Calboli, Gualtiero. Über das Lateinische. Vom Indogermanischen zu den romanischen Sprachen. Max Niemeyer, Tübingen 1997

Janson, Tore. Latein. Die Erfolgsgeschichte einer Sprache. Buske, Hamburg, 2006

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