
Ein Ort ohne Autos ist in Deutschland kaum zu finden, doch ein paar gibt es, z.B. die Insel Helgoland in der Nordsee.
Helgoland, in Helgoländer Friesisch deät Lun genannt, liegt knapp 50 Kilometer vom Festland entfernt und ist dem Bundesland Schleswig-Holstein zugeordnet. Oft als Hochseeinsel bezeichnet, ist die Insel allerdings nur Teil des Schelfs und somit geografisch und rechtlich keine Hochseeinsel. Zu Helgoland gehört noch die kleinere Insel Düne, beide waren mal eine große Insel. Doch eine Flut zum Jahresbeginn 1712 riss den mittleren Teil ab.
Trotz der geringen Größe von 4,2 km² beherbergt die Insel eine große Anzahl von Vögeln, die in den Felsen der Küste brüten, ebenso wie zahlreiche Zugvögel, die hier rasten. Ausgewiesene Vogelschutzgebiete bieten den Tiere ideale Bedingungen zum Leben und Forschenden einzigartige Beobachtungsmöglichkeiten.
Durch archäologische Funde von Gräbern konnten erste Besiedlungen aus der Bronzezeit nachgewiesen werden, in der die heutige Inseln noch nicht als Insel abgegrenzt war. Es wird vermutet, dass viele Funde wahrscheinlich im Laufe der Jahrhunderte durch Küstenabbrüche verloren gegangen sind. Einige Funde, vor allem aus dem 19. Und 20. Jahrhundert, können heute in Museen in Lund oder Berlin besichtigt werden.
Gesicherte Beschreibungen der Insel stammen aus dem frühen Mittelalter, als Missionare die auf Helgoland lebenden Friesen bekehren wollten, was sich als langwieriges Unterfangen herausstellen sollte. Seit dem 12. Jahrhundert stand Helgoland unter dänischer Herrschaft, zeitweile meldete auch die Hanse Ansprüche an. Strategisch und wirtschaftlich spielte die Insel immer eine große Rolle.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberten die Briten die Insel, die dänischen Truppen leisteten keinerlei Widerstand, und Helgoland wurde zu einer britischen Kolonie, behielt aber seine unter Dänemark erkämpften Autonomie. Es entstand ein reger Schwarzmarkthandel, der über Hamburg lief, um die von Napoleon verhängte Kontinentalsperre zu umgehen. Nach Aufhebung der Sperre und dem Rückgang der Fischvorkommen musste die Wirtschaft der Insel angekurbelt werden, was zur Gründung eines Seebades führte. Zahlreiche gut betuchte Badegäste strömten nach Helgoland, unter anderem Hoffmann von Fallersleben, der dort das Lied der Deutschen dichtete.
Im Jahr 1890 gelangte Helgoland durch den sogenannten Helgoland-Sansibar-Vertrag unter preußische Herrschaft. Die bis dahin rechtliche Autonomie wurde eingeschränkt, eine Germanisierungsbewegung zwang den Menschen vor Ort die deutsche Sprache auf, das übliche Helgoländische Friesisch sollte verschwinden.
Der Ausbau als Militärstützpunkt ließ den Tourismus einbrechen, die Anlagen wurde bis zum Ende des II.Weltkrieges immer erweitert. Zwischen den Kriegen litt das Image der einstigen Erholungsinsel, politische Unklarheiten erschwerten das Leben der Menschen.
Der Bombardierungen der Insel 1945 folgte die Evakuierung der Einwohner*innen, sie kehrten erst 1952 wieder zurück und begannen mit dem Wiederaufbau.
Heute ist die Insel als Reiseziel wieder beliebt, Naturliebhaber und Kurgäste genießen vor allen die gute Luft, ein Paradies für Heuschnupfengeplagte.
Das Helgoländer Friesisch bzw. Halunder wird nur noch von wenigen Menschen gesprochen, kann aber bei Behördengängen genutzt werden. Als nordfriesische Sprache steht es unter dem Schutz der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen. Der Dialekt hat, anders als die nordfriesischen Dialekte der anderen Nordseeinseln, eher niederdeutschen Einfluss statt dänischen.
Das Helgoländer Wappen leitet sich vom Spruch „Grön is dat Land, rot is de Kant, witt is de Sand. Dat sünd de Farven vun’t hillige Land.“ (dt. Grün ist das Land, rot ist die Kant, weiß ist der Sand: Das sind die Farben von Helgoland.) ab.
Quellen
Wallmann, Eckhard. Helgoland. Eine deutsche Kulturgeschichte. Koehler, Hamburg 2017
