Die Donauschrift

Die Schrift als Zeichen von Hochkulturen ist seit Langen bekannt. Sofort fallen uns die Hieroglyphen der Ägypter oder die Keilschrift der Sumerer ein, die unsere Vorstellungen von Kultur dominieren. Aber auch in kleineren Kulturkreisen gab schon früh Schriftsysteme. Eins davon fanden Wissenschaftler*innen entlang der Donau in Rumänien, Serbien usw.: die Vinča-Zeichen, auch Donauschrift genannt.

Der Name geht auf die Ortschaft Vinča in der Nähe von Belgrad zurück, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Gegenstände gefunden wurden, die diese Zeichen trugen. Schon 30 Jahre früher tauchten erste Funde in Rumänien auf und im Laufe der Zeit mehr als 1000 in verschiedenen Regionen Südosteuropas, meist entlang der Donau.

Was die Zeichen genau darstellen oder bedeuten, ist bis heute unklar. Die Anordnung und Wiederholungszahl legt nahe, dass es sich um rituelle Zeichen handelt. Es lässt sich (bisher) kein Muster erkennen, was auf eine erzählende oder dokumentarische Funktion hinweisen würde.

Die gefundenen Gegenstände sind größtenteils Figuren oder Gefäße, was auf die These der rituellen Zeichen stützt. Obwohl die einzelnen Zeichen durch ihre Symmetrie und Strichführung wie Buchstaben oder Silbensymbole aussehen, konnte bisher kein Zusammenhang zu anderen Schriftsystemen hergestellt werden.

Doch welchen Zweck haben die Zeichen? Wenn sie nicht als Verschriftlichung der Sprache dienen, könnten sie auch einfach als Markierungen oder Muster genutzt worden sein. Besonders die unsystematische Verteilung lässt viele Expert*innen an der Schrift-Theorie zweifeln. Die Idee, dass die Zeichen für bestimmte Namen stehen, ist aber weiterhin im Rennen.

Unklar ist auch welche Sprache die Menschen damals sprachen. Vor der Nutzung der indoeuropäischen Sprachen, die sich von Ost nach West in Europa verbreitet haben, gab es eine bzw. mehrere ‚alteuropäische‘ Sprache(n), die dann verdrängt wurden.

Eine zeitliche Einordnung der Donauschrift ist nur bedingt möglich, der Zeitraum liegt zwischen 5300-3200 vor Christus. Die Zeichen wären damit die ältesten Schriftzeichen, von denen wir heute wissen. Doch sie unterscheiden sich in ihrer Funktion stark von Schriften wie sie in Mesopotamien oder Ägypten genutzt wurden.

Die Diskussion, ob und in welchem Umfang die Donauschrift wirklich als Kommunikationsmittel genutzt wurde, ist noch lange nicht zu Ende.

Quellen

Dürscheid, Christa. Einführung in die Schriftlinguistik. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, Seite 104–106: Die alteuropäische Schrift.

Haarmann, Harald. Einführung in die Donauschrift. Buske, Hamburg 2010.

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