
Das erste Mal habe ich von Otto Jespersen im Seminar zur Sprachgeschichte gehört und war mal wieder fasziniert wie umfassend die sprachwissenschaftlichen Interessen der Forschungsgemeinde im 19. Jahrhundert war.
Otto Jespersen wurde am 16. Juli 1860 in Jütland (Dänemark) geboren und wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Schon als Kind lernte Jespersen Sprachen wie Italienisch und Isländisch, vielleicht auch als Kompensation, denn nach dem Umzug von Jütland nach Seeland fand er nur schwer Freunde.
Er begann ein Jurastudium, eine Tradition in seiner Familie, interessierte sich aber weiterhin mehr für Sprachen und Sprachentwicklung. Neben dem Sprachstudium arbeitete Jespersen, um sein Einkommen sichern zu können. Zusätzlich zur Linguistik beschäftigte er sich auch mit Entwicklungspsychologie und Darwins Evolutionstheorie. Trotz seiner Vorliebe für klassische Theorien spielte bei Jespersen auch die aktuelle Sprachwissenschaft mit den neu aufkommenden Methoden eine große Rolle.
Er reiste in ganz Europa umher, besuchte Vorlesungen bekannter Professoren, z.B. in Berlin, London und Paris, baute sich ein Netz an Freundschaften auf, mit denen er zeitlebens in Kontakt blieb. Im Laufe der Jahre entwickelte sich Jespersen zu einem Spezialisten für Englisch.
1891 verteidigte er seine Doktorarbeit über das englische Kasussystem und übernahm 1893 die Professur für Englische Sprache und Literatur an der Universität in Kopenhagen.
Neben seiner eigentlichen Lehrtätigkeit setzte er sich auch für bessere Arbeitsbedingungen und Bildungschancen für die Studierenden ein. Das macht ihn bei der Universitätsleitung nicht gerade beliebt, aber Jespersen scherte sich nicht drum. Trotz seiner Kritik, vielleicht auch gerade deswegen, stieg er in der Hierarchie der universitären Verwaltung weiter auf.
Besonders der Sprachunterricht lag Jespersen am Herzen. Er kritisierte die verstaubten Methoden, die den Lernenden kaum beim Spracherwerb im ‚echten Leben‘ halfen. Die Kernkompetenzen wie den Klang der Sprache und die Aussprache durch Hören, nicht durch Lesen, verinnerlichen. Außerdem ist es, seiner Meinung nach, nicht förderlich zu früh zu viel Grammatik in den Unterricht einfließen zu lassen. Die Lernenden sollten sich die Regeln selbst durch Beispiele erschließen und nicht sich nicht auf die Ausnahmen konzentrieren. Heute sind solche Prinzipien allgemein anerkannt und der Erfolg beim Lernen durch Untersuchungen belegt.
Neben dem Spracherwerb beschäftigte sich Jespersen auch mit Phonetik, Dialektologie, Spracherwerb und Sprachgeschichte, viele seiner Bücher sind noch heute Standardwerke für die Sprachwissenschaft. Die Bandbreite seiner Expertise ist bemerkenswert und wird heute kaum noch erreicht. Sogar für die Unterschiede zwischen der Sprache von Frauen und Männer hat er Schriften verfasst, wobei diese heute nicht mehr als zeitgemäß angesehen werden. Das damalige Frauenbild prägte Jespersens Ansichten, sodass die wissenschaftliche Seite darunter litt.
1925 ging Jespersen in den Ruhestand, war aber immer viel auf Konferenzen unterwegs und schrieb weiter. Er starb am 30. April 1943 und hinterließ der Welt ein gewaltiges Lebenswerk.
Hast du schon mal etwas von Otto Jespersen gelesen?
Quellen
Christophersen, P. 1989. ‘Otto Jespersen’. In Juul and Nielsen 1989. Forster, Peter G. 1982. The Esperanto Movement. The Hague: Mouton.
McElvenny, James (15 May 2013). History and Philosophy of the Language Sciences. https://hiphilangsci.net/2013/05/15/otto-jespersen-and-progress-in-international-language/
